Ausdauer, die ansteckt: Wie Peer-Groups Lernen und Leistung prägen
Positive Peer-Effekte: Ein unterstützendes Klassenklima fördert Motivation, stärkt Zusammenhalt und lässt Ausdauer wachsen

Wie stark prägen Mitschülerinnen und Mitschüler das eigene Lernen und Durchhaltevermögen? Eine neue Studie zeigt: Peer-Groups beeinflussen nicht nur Motivation und Lernfreude, sondern auch die Fähigkeit, langfristige Ziele zu verfolgen. Wo Ausdauer und gegenseitige Unterstützung gelebt werden, steigt der Bildungserfolg aller, und das unabhängig von individuellen Voraussetzungen...
Der Einfluss von Gleichaltrigen auf die Entwicklung Jugendlicher ist unbestritten. Die Forschung zu Peer-Effekten hat wiederholt gezeigt, wie Mitschülerinnen und Mitschüler Einstellungen, Verhalten und auch schulische Leistungen prägen. Eine neue Studie des ZEW – Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (Adamopoulou, Cao, & Kaya, 2025) wirft nun ein Schlaglicht auf eine bisher wenig untersuchte Dimension dieses Einflusses: die Rolle des Durchhaltevermögens, bekannt als "Grit".
Der "Grit"-Effekt
Der Begriff “Grit”, geprägt von der Psychologin Angela Duckworth, beschreibt die Fähigkeit, mit Leidenschaft und Ausdauer langfristige Ziele zu verfolgen, auch gegen Widerstände (Duckworth et al., 2007). Grit unterscheidet sich von kurzfristiger intrinsischer Motivation dadurch, dass es nicht nur die unmittelbare Freude an einer Tätigkeit beschreibt, sondern die langfristige Leidenschaft und Ausdauer für ein übergeordnetes Ziel. Während intrinsische Motivation Menschen dazu bringt, Tätigkeiten um ihrer selbst willen auszuüben (Deci & Ryan, 1985), zeigt sich Grit besonders in der Fähigkeit, trotz Rückschlägen, Frustration und Motivationstiefs an einem langfristigen Ziel festzuhalten. “Gritty” Menschen sind häufig intrinsisch durch ihre Leidenschaft für das Ziel motiviert – aber diese Leidenschaft trägt sie auch durch Phasen, in denen die tägliche Arbeit weniger Freude bereitet.
Die ZEW-Studie (2025)
Die Studie liefert beeindruckende Längsschnittdaten, basierend auf der Analyse von rund 5.800 Schülerinnen und Schülern in den USA, deren Bildungswege seit 1994 im Rahmen der "National Longitudinal Study of Adolescent to Adult Health (Add Health)" verfolgt wurden. Da die Originaldaten keinen direkten "Grit"-Wert enthielten, berechneten die Forschenden diesen Wert mithilfe einer statistischen Methode (Faktorenanalyse). Sie fassten dabei die Antworten auf sieben verschiedene Fragebogen-Items zusammen, die alle eng mit etablierten Skalen zur Messung von "Grit" (Durchhaltevermögen) zusammenhängen, um daraus einen einzigen, repräsentativen "Grit"-Wert für jede Schülerin und jeden Schüler zu ermitteln.
Das zentrale Ergebnis: Eine Peer-Group (definiert als die gesamte Schulkohorte des Jahrgangs, nicht nur als engen Freundeskreis) mit einem hohen Durchschnittswert an diesem rekonstruierten "Grit" hat einen signifikanten positiven Einfluss auf den späteren Lebensweg des Einzelnen. Konkret zeigte sich in der US-Stichprobe: Wenn das durchschnittliche Durchhaltevermögen im Jahrgang spürbar über dem Durchschnitt lag, erzielten die einzelnen Schülerinnen und Schüler dieser Gruppe später im Beruf im Schnitt 3,9 Prozent mehr Einkommen. Besonders stark profitierten Schülerinnen und Schüler aus sozioökonomisch benachteiligten Verhältnissen von einer beharrlichen Peer-Group.
Es ist zu berücksichtigen, dass die Studie auf Daten aus US-amerikanischen High Schools der 1990er Jahre basiert, Bildungssystem und gesellschaftliche Rahmenbedingungen unterscheiden sich von der heutigen Situation in Deutschland. Dennoch liefern die Ergebnisse wichtige Hinweise auf grundlegende soziale Mechanismen, die auch in anderen Kontexten wirksam sein dürften – zumal umfangreiche internationale Forschung zu Peer-Effekten die Bedeutung des sozialen Umfelds für Bildungserfolg länderübergreifend bestätigt (vgl. Sacerdote, 2011).
Wirkungsmechanismen: Wie Peer Groups prägen können
Die Forschenden der ZEW-Studie vermuten, dass der positive Einfluss einer Peer Group mit hohem "Grit" über drei zentrale soziale Mechanismen funktioniert:
- Soziale Normen: Die Peer Group definiert, welches Verhalten in der Klasse als wünschenswert gilt. Eine "Grit"-orientierte Gruppe setzt hier positive Maßstäbe für Anstrengungsbereitschaft.
- Modelllernen: Schülerinnen und Schüler beobachten das Verhalten ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler und imitieren es. In einer Peer Group, in der Beharrlichkeit sichtbar gelebt wird, dient dies als positives Vorbild.
- Sozialer Vergleich: Die Anstrengungsbereitschaft der Peers dient als Referenzpunkt. Die Beobachtung "Wenn die das schaffen, kann ich das auch" kann das eigene Anspruchsniveau heben.
Implikationen für die Praxis: Peer-Effekte positiv gestalten
Auch wenn die ZEW-Studie selbst keine direkten pädagogischen Empfehlungen gibt, lassen sich aus den Erkenntnissen zu Peer-Effekten und ergänzender pädagogischer Forschung Strategien ableiten, wie Schulen die Kraft der Peer-Group positiv nutzen können:
- Heterogene Gruppenbildung bewusst gestalten: Eine durchdachte Zusammensetzung von Lerngruppen, die neben Leistungsniveau auch motivationale Aspekte berücksichtigt, kann positive Peer-Effekte fördern. Statt reiner Leistungshomogenisierung können heterogene Gruppen mit starken Rollenmodellen schwächere Schülerinnen und Schüler "mitziehen".
- Eine positive Fehler- und Anstrengungskultur etablieren: Wenn Anstrengung und das Überwinden von Schwierigkeiten im Klassenklima positiv bewertet werden, wird "Grit" zur sozialen Norm. Lehrkräfte können dies fördern, indem sie den Lernprozess und die investierte Mühe sichtbar machen und wertschätzen, nicht nur das Endergebnis.
- Kooperatives Lernen und Peer-Tutoring fördern: Strukturen, in denen Schülerinnen und Schüler gemeinsam an Zielen arbeiten und sich gegenseitig unterstützen (Peer-Tutoring), machen positives Lernverhalten sichtbar und imitierbar. Sie stärken nicht nur fachliche Kompetenzen, sondern auch soziale Normen wie Hilfsbereitschaft und gemeinsame Anstrengung.
- Klassenrat und Partizipation stärken: Wenn Schülerinnen und Schüler lernen, gemeinsame Regeln auszuhandeln und Verantwortung für die Gemeinschaft zu übernehmen (zum Beispiel im Klassenrat), können sie auch soziale Normen bezüglich Lernverhalten und Anstrengung positiv beeinflussen.
Fazit: Die Peer-Group in der Schule als Sprungbrett fürs Leben
Die ZEW-Studie liefert starke Belege dafür, dass das soziale Umfeld in der Schule – insbesondere das Durchhaltevermögen der Mitschülerinnen und Mitschüler – einen langfristigen Einfluss auf individuelle Lebensumstände hat. Auch wenn eine direkte Übertragung der US-Daten auf Deutschland mit Vorsicht zu genießen ist, unterstreicht die Untersuchung die immense Bedeutung von Peer-Effekten. Schulen sind eben nicht nur Orte der Wissensvermittlung, sondern auch entscheidende soziale Erfahrungsräume. Indem Schulleitungen und Lehrkräfte gezielt Strukturen schaffen, die eine positive Lernkultur, gegenseitige Unterstützung und die Wertschätzung von Anstrengung fördern, können sie die ansteckende Kraft der Beharrlichkeit für alle Schülerinnen und Schüler nutzbar machen.





