Corona-Erfahrung muss strategisch genutzt werden!

Interview mit Professor Kai Maaz im Frühjahr 2021

Für Professor Kai Maaz wirkt die Corona-Krise wie ein Brennglas, unter dem tieferliegende Defizite des deutschen Schul- und Bildungssystems sichtbar werden. Das seit Jahren ungelöste Problem der Bildungsungerechtigkeit hat sich für ihn zweifellos verschärft. Gleichwohl könne der kluge Umgang mit den Folgen der Pandemie das System der Schule positiv und nachhaltig verändern. 

Hat die Pandemie die Bildungsungerechtigkeit weiter verschärft?

Das seit Jahren beklagte Problem ungerechter Bildungschancen ist in der Zeit der Pandemie noch größer geworden. Für Professor Kai Maaz steht das außer Frage, auch wenn es für diese Feststellung in Deutschland noch keine belastbaren Studien gibt. Er verweist dabei auf aktuelle Studien anderer Länder, die auf die Situation hierzulande übertragen werden könnten. Als Vorsitzender einer Expertinnen- und Expertenkommission der Friedrich-Ebert-Stiftung hat er bereits Anfang des Jahres Empfehlungen erarbeitet, wie mit coronabedingten Benachteiligungen kurzfristig und perspektivisch umgegangen werden sollte. 

Wie sieht es mit einer Rückkehr zur Normalität aus?

Aus Sicht von Maaz kann und wird es im kommenden Schuljahr keinen vollständig regulären Unterrichtsbetrieb geben. Er rät ausdrücklich davon ab, zu schnell mit dem Regelunterricht zu beginnen. Sozial benachteiligte und von der Pandemie besonders betroffene Kinder und Jugendliche müssten nach dem Ausnahmezustand der vergangenen Monate teilweise erst wieder in die Lage versetzt werden, Lernstoff kognitiv aufzunehmen. Deshalb brauche es neben Nachhilfe, auch zusätzliche psychosoziale Angebote, verlässliche Strukturen und ein strategisches Konzept, wie mit den Lernrückständen in bestimmen Schülergruppen umgegangen werden soll.  

„Wir müssen mehr auf die psychosozialen Folgen bei den Schülerinnen und Schülern achten.“

Prof. Kai Maaz

Welche Rolle nehmen Schulen ein?

Externe Ansprechpersonen etwa aus der Kinder- und Jugendhilfe müssten zur Bewältigung des Ausnahmezustands mit einbezogen werden. Gerade Schülerinnen und Schüler mit zusätzlichem Förderbedarf, sowie deren Familien, könnten von solch umfassenden Beratungsangeboten, die eng an den Schulkontext gekoppelt sind, profitieren. In dieser Hinsicht bedürfe es an manchen Schulen sicher noch ein Umdenken.   Überhaupt stellt Professor Maaz eine große Variabilität fest, wie Schulen, Schulleitungen und einzelne Lehrpersonen mit der Krise umgegangen seien. Während es Schulen gegeben habe, die mit guten Formaten des Online-Unterrichts reagiert und produktive Lernprozesse gewährleistet hätten, kumulierten sich an anderen Schulen die Problemlagen.

Worauf sollte der Fokus liegen?

Insbesondere „Problemschulen“ müssten schnell identifiziert und der benötigte Unterstützungsbedarf definiert werden. Deshalb hält es Maaz auch nicht für sinnvoll, mit einer Lernstanderhebung bis nach den Sommerferien zu warten. Aus der aktuellen Situation heraus müssten jetzt Daten generiert werden, die helfen, die Krise besser zu verstehen. 

„Wenn wir jetzt Ungleichheit behandeln wollen, dann müssen wir Ungleiches auch ungleich behandeln, auch in Form der Ressourcenzuweisung.“

Prof. Kai Maaz

Die kontinuierliche Erfassung der Lernstände und die Entwicklung von Förderangeboten müssten Hand in Hand gehen. Eine umfassende Analyse für alle Jahrgänge und Schulfächer sei unrealistisch aber auch gar nicht notwendig. Es reiche aus, sich auf besonders betroffene Schülergruppen, Schulstufen und Kernfächer zu konzentrieren. Dass fast alle Bundesländer bereits Förderprogramme aufgelegt hätten, die Schulen in schwierigen Lagen zusätzlich unterstützen, wertet er als richtigen Ansatz. Es sei richtig, die vorhandenen Ressourcen nicht gleichmäßig über die gesamte Schullandschaft oder auf alle Schulformen zu verteilen.  Denn, so Maaz: „Wenn wir jetzt Ungleichheit behandeln wollen, dann müssen wir Ungleiches auch ungleich behandeln, auch in Form der Ressourcenzuweisung.“

Welche Maßnahmen sind zielführend?

Bei der Konzeption von Nachhilfeprogrammen müsse darauf geachtet werden, dass die Inhalte mit den Erfordernissen des regulären Schulunterrichts verzahnt werden. Andernfalls würden die positiven Effekte rasch wieder verpuffen. Nach Ansicht von Maaz sollte man sich dabei vor allem darauf konzentrieren, Grundkompetenzen zu festigen und nicht den falschen Ehrgeiz entwickeln, den gesamten verpassten Lehrplanstoff nachzuholen. Die länderweit angebotenen „Sommerschulen“ hält Maaz prinzipiell für eine gute Sache und verweist auf empirische Studien, die Sommerschulangeboten positive Lerneffekte attestieren. 

„Die Pandemie stärkt das Problembewusstsein und eröffnet eine Chance, konstruktiv und strategisch über die Weiterentwicklung des Bildungssystems nachzudenken.“

Prof. Kai Maaz

Was kann die Corona-Erfahrung auf lange Sicht bewirken?

Die krisenbedingte Situation, so Maaz, habe die Dringlichkeit der Herausforderungen in den Bereichen Schule und Bildung so deutlich wie nie zuvor werden lassen. Es sei jetzt an der Zeit, mit alten Mustern zu brechen und nachhaltige Angebote zu generieren, die geeignet sind, seit Jahren bestehende Probleme effizient anzupacken. Die Pandemie eröffne hier vielleicht eine Chance, konstruktiv und strategisch über die Weiterentwicklung des Schul- und Bildungssystems nachzudenken und die Weichen so zu stellen, dass Bildungsbarrieren abgebaut und Chancenungleichheit nachhaltig reduziert werden könnten.

Das komplette Video-Interview finden Sie auf dem YouTube-Kanal der aim Akademie oder hier im Podcast:

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