Differenziertes Feedback, bessere Leistung: Wie Rückmeldungen Lernende stärken
Regelmäßiges, individuell zugeschnittenes Feedback kann Motivation und Leistung nachhaltig fördern

Feedback ist weit mehr als ein kurzes „Stimmt“ oder „Falsch“. Richtig eingesetzt hilft es Schülerinnen und Schülern, ihre Fähigkeiten einzuschätzen, Lernprozesse zu strukturieren und motiviert zu bleiben. Doch nicht jede Rückmeldung wirkt gleich: Dr. Simon Munk erforscht an der Technischen Universität München, von welcher Feedbackkultur Schülerinnen und Schüler nachhaltig profitieren.
Redaktion: Herr Doktor Munk, wie profitieren Schülerinnen und Schüler vom Feedback ihrer Lehrkräfte?
Dr. Simon Munk: Feedback ist ein wichtiger Schlüssel für das Lernen, weil es zeigt, wie ein Schüler oder eine Schülerin bisher gelernt hat und wie es weitergehen kann. Es sagt also, was passiert ist, wie es gerade ist und wie es sein könnte. Für die Lernenden ist dieses Feedback besonders wichtig: Es hilft ihnen, ihre eigenen Fähigkeiten aus einer neuen Perspektive zu sehen und, wenn nötig, anzupassen. Untersuchungen zeigen, dass Schülerinnen und Schüler, die Feedback bekommen, besser lernen als diejenigen, die kein oder nur wenig Feedback erhalten. Außerdem verbessert Feedback nicht nur die Leistung, sondern steigert auch die Motivation der Lernenden.
Redaktion: In Ihrer Studie haben Sie den Einfluss von Feedback auf die Lesekompetenz untersucht, die Effekte waren jedoch gering. Wie erklären Sie sich das?
Munk: Anders als in den zuvor erwähnten Experimenten konnten wir unter normalen Unterrichtsbedingungen keine deutlichen Zusammenhänge zwischen Feedback und der Lesekompetenz feststellen. Das kann verschiedene Gründe haben. Eine Möglichkeit wäre, dass das Feedback, das in der Klasse gegeben wurde, nicht optimal auf die Schülerinnen und Schüler abgestimmt war. In diesem Fall fallen die Effekte auf das Lernen natürlich deutlich geringer aus.
Redaktion: Interessanterweise gibt es in Ihrer Studie jedoch länderabhängige Unterschiede. Welche kulturellen Faktoren könnten die Wirkung von Feedback auf die Lesekompetenz beeinflussen?
Munk: Für unsere Studie haben wir den Datensatz der PISA-Studie 2018 mit Informationen von 505.906 Schülerinnen und Schülern aus 75 Ländern analysiert. Dabei zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Ländern hinsichtlich der Wirkung von Feedback. Länder unterscheiden sich in vielen Aspekten: Jedes hat beispielsweise eigene Lehrkräfteausbildungen und setzt unterschiedliche Schwerpunkte. Dadurch kann es vorkommen, dass Lehrkräfte in einigen Ländern besser im Geben von Feedback geschult sind als in anderen.
Ein weiterer Grund für Unterschiede zwischen den Ländern ist die Kultur. In einigen Ländern gibt es ein größeres Machtgefälle zwischen Lehrkraft und Lernenden, was den Unterricht und die Feedback-Situation beeinflusst. In solchen Ländern könnte Feedback eher als Kontrolle und weniger als Unterstützung verstanden werden, was wiederum ganz andere Auswirkungen auf die Motivation und Leistung der Schülerinnen und Schüler hat.
Redaktion: Ihre Studie zeigt auch, dass Schülerinnen und Schüler im Leistungsmittelfeld weniger Feedback erhalten als besonders leistungsstarke oder leistungsschwache Lernende. Woran könnte das Ihrer Meinung nach liegen?
Munk: Unsere Studie deutet darauf hin, dass Lehrkräfte beim Geben von Feedback die Lernenden im mittleren Leistungsbereich etwas vernachlässigen. Über die genauen Gründe wissen wir bisher noch wenig. Weiterführende Studien könnten beispielsweise Lehrkräfte im Rahmen von Interviews befragen, ob der Fokus auf besonders leistungsstarke oder leistungsschwache Schülerinnen und Schüler bewusst gewählt ist oder eher unbewusst geschieht.
Eines ist jedoch klar: Feedback für leistungsstarke Schülerinnen und Schüler geht oft schnell. Wenn jemand zum Beispiel 3 + 5 = 8 rechnet, reicht ein einfaches „Stimmt!“ völlig aus. Bei einem falschen Ergebnis wie 3 + 5 = 4 wird es schon schwieriger und zeitaufwändiger, weil zuerst nachvollzogen werden muss, wie die Lernenden zu dieser Lösung gekommen sind. Gleichzeitig benötigen leistungsschwache Schülerinnen und Schüler besonders dringend Feedback, um ihren Lernprozess hin zu einer guten Leistung zu strukturieren. Daraus ergibt sich, dass leistungsstarke Lernende schnell Feedback erhalten können, leistungsschwache dringend darauf angewiesen sind – und dadurch möglicherweise die Schülerinnen und Schüler in der Mitte des Spektrums übersehen werden.
Redaktion: Was bedeutet das für Lernende, deren Leistungen sich im Mittelfeld bewegen?
Munk: Natürlich wäre es wünschenswert, dass auch Schülerinnen und Schüler aus dem Mittelfeld ausreichend Feedback erhalten. Denn auch sie können durch Feedback ihren Lernprozess besser strukturieren und von dieser Unterstützung profitieren. Dass Lehrkräfte jedoch unterschiedlich mit Schülerinnen und Schülern aus verschiedenen Leistungsbereichen umgehen, muss dabei nicht zwangsläufig ein Problem sein. Es ist ganz normal, dass Lehrkräfte im Alltag Prioritäten setzen- oft ist es einfach eine Frage der Zeit. Gleichzeitig steht fest: Besonders leistungsschwache Schülerinnen und Schüler benötigen die Unterstützung der Lehrkraft in hohem Maße.
Redaktion: Welche Rolle könnte automatisiertes Feedback in Zukunft spielen?
Munk: Automatisiertes Feedback bietet einige Vorteile: Es kann sofort erfolgen, ist frei von äußeren Verzerrungen, und die Schülerinnen und Schüler müssen sich keine Sorgen machen, dass die Lehrkraft verärgert reagiert, wenn sie einen Fehler machen. Auch wissenschaftliche Studien zeigen, dass automatisiertes Feedback das Lernen wirkungsvoll unterstützen kann.
Gleichzeitig darf man jedoch nicht vergessen, dass Feedback neben der reinen Information immer auch eine motivationale Komponente hat. Hier stößt der Computer noch an seine Grenzen: Lehrkräfte können mit ihrer Erfahrung und ihrem menschlichen Gespür einschätzen, wann jemand eher ein aufbauendes Wort oder eine klare Ansprache braucht. Deshalb gilt auch für Feedback: Digitale Medien sollten ergänzend eingesetzt werden, nicht als Ersatz für die Lehrkraft.
Redaktion: In Ihrer Studie empfehlen Sie Lehrkräften, systematische Feedbackroutinen im Unterricht einzuführen. Wie könnte das konkret aussehen und welchen Nutzen hätte es?
Munk: Regelmäßige Feedbackroutinen können dafür sorgen, dass alle Schülerinnen und Schüler ein Mindestmaß an Feedback erhalten. Auf diese Weise wird verhindert, dass beispielsweise Schülerinnen und Schüler aus der Mitte des Leistungsspektrums vernachlässigt werden. Solche Routinen lassen sich beispielsweise durch Lerntagebücher umsetzen, in denen die Lernenden ihren Lernprozess reflektieren. Regelmäßige Gespräche mit der Lehrkraft auf Basis dieser Einträge schaffen eine gute Grundlage für Feedbackgespräche.
Auch Gespräche nach halbjährlichen Leistungserhebungen bieten sich als Anlass für Feedbacksituationen an. Dabei können Lehrkraft und Lernende über den zurückliegenden Lernprozess sprechen und die nächsten Schritte planen. Auf diese Weise nehmen die Schülerinnen und Schüler die Lehrkraft eher als Coach wahr und weniger als Kontrolleur.
Redaktion: Auf welche Weise sollten Lehrkräfte Feedback geben, damit Schülerinnen und Schüler davon profitieren?
Munk: So individuell wie die Schülerinnen und Schüler sind, so unterschiedlich sind auch ihre Vorlieben, wenn es um Feedback geht. Es gibt schließlich viele Möglichkeiten: schriftlich oder mündlich, persönlich vorgetragen oder vor der Klasse, mit oder ohne Unterstützung von Künstlicher Intelligenz. Allgemein lässt sich nicht sagen, welches Feedback wem besonders hilft. Entscheidend ist immer das Zusammenspiel zwischen der Art des Feedbacks und den individuellen Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler.
Hier hilft nur eins: regelmäßig Rückmeldungen zum Feedback einholen. Man könnte zum Beispiel Lernende fragen, welche Form ihnen am liebsten ist, oder von welcher sie in der Vergangenheit am meisten profitiert haben. Lehrkräfte können außerdem abwechseln – mal ein mündliches Feedback hier, mal ein schriftliches dort –, damit die Schülerinnen und Schüler die Vorteile der unterschiedlichen Möglichkeiten kennenlernen.
Redaktion: Herr Doktor Munk, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Zur Person
Simon Munk ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Psychologie des Lehren und Lernens an der Technischen Universität München. Er hat Mathematik und Chemie für das Lehramt an Gymnasien studiert und beschäftigte sich im Rahmen seiner Dissertation mit der Lehrkraftunterstützung in Feedbacksituationen.





