Effektive Kultur der Zusammenarbeit: So setzen Lehrkräfte zusammen ihr Potenzial frei
Wie Schulen die kollektive Wirksamkeit im Kollegium systematisch stärken und gemeinsam wirksamer werden

Wenn sie sich voll entfaltet, gehört sie zu den wirksamsten Faktoren für schulischen Lernerfolg: Die Collective Teacher Efficacy (CTE) beschreibt die Überzeugung eines Kollegiums, durch gemeinsames professionelles Handeln die Lernentwicklung aller Schüler:innen positiv beeinflussen zu können – unabhängig von deren Voraussetzungen. Die zentrale Frage für Schulteams lautet: Wie lässt sich diese Überzeugung systematisch aufbauen und nachhaltig im Schulalltag verankern? Ein Überblick über evidenzbasierte Antworten.
Die Forschung des renommierten neuseeländischen Bildungsforschers John Hattie, insbesondere seine umfassenden „Visible Learning“-Meta-Analysen, hat Collective Teacher Efficacy zu ihrer prominenten Stellung verholfen. Aktuelle Daten auf Hatties dynamischer MetaX-Plattform weisen für die kollektive Wirksamkeitserwartung des Lehrkräfteteams einen Wert von d=1.34 aus – herausragend im Vergleich zu anderen, oft mehr diskutierten Einflussfaktoren auf den Lernerfolg, wie die folgende Tabelle zeigt:
| Einflussfaktor auf den Lernerfolg | Effektstärke (Cohen's d) |
| Kollektive Wirksamkeitserwartung (CTE) | 1.34 |
| Lehrer-Schüler-Beziehung | 0.72 |
| Feedback | 0.72 |
| Vorwissen der Schüler:innen | 0.65 |
Sozioökonomischer Status | 0.52 |
| Elterliches Engagement | 0.49 |
| Motivation | 0.48 |
| Durchschnittlicher Effekt (Hattie's "Hinge Point") | 0.40 |
| Hausaufgaben | 0.29 |
CTE ist dabei keine abstrakte Haltung oder ein vages Gefühl von Optimismus. Stattdessen beschreibt der Begriff eine Haltung, die ein Lehrkräftezimmer kultivieren kann, eine robuste, kontextspezifische Überzeugung, die systematisch genährt und gestärkt werden kann. Der Psychologe Albert Bandura, auf dessen sozial-kognitive Theorie das Konzept zurückgeht, identifizierte vier universelle Quellen, aus denen sich sowohl die individuelle als auch die kollektive Wirksamkeitsüberzeugung speist.
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John Hatties Forschung zeigt, dass der gemeinsame Glaube von Lehrkräften an ihre Wirkungskraft zu den stärksten Einflussfaktoren auf Lernerfolg gehört
Der nachhaltige Eindruck, gemeinsam erfolgreich zu sein
Die mit Abstand wirksamste Quelle zur Stärkung der Wirksamkeitserwartung sind authentische Erfolgserlebnisse. Eine umfassende Forschungssynthese (Taeschner et al. 2023), die 115 Einzelstudien mit über 11.200 Lehrkräften analysierte, bestätigt dies: Maßnahmen, die direkte Erfolgserfahrungen ermöglichen, zeigen besonders starke Effekte bei der Förderung der Selbstwirksamkeit. Wenn ein Team gemeinsam eine Herausforderung annimmt, eine Strategie entwickelt, diese umsetzt und anschließend den Nachweis erhält, dass sich die Lernergebnisse der Schülerinnen und Schüler verbessert haben, ist das der Beginn eines sich selbst verstärkenden Kreislaufs.
Tipps zur praktischen Umsetzung:
- Professionelle Lerngemeinschaften (PLGs): Strukturierte Teamarbeit in PLGs eignen sich besonders gut, für die systematische Herbeiführung solcher Erfolgserfahrungen: Zunächst identifiziert das Team auf Basis von Lerndaten (zum Beispiel Lernstandserhebungen, gemeinsame Tests) ein konkretes, für alle relevantes Lernproblem. Anschließend wird gemeinsam eine Unterrichtsstrategie entwickelt und erprobt, bevor die Wirkung anhand neuer Schülerdaten analysiert wird. Dieser datengestützte Zyklus macht den Zusammenhang zwischen dem Handeln der Lehrkräfte und den Ergebnissen der Lernenden direkt sichtbar.
- Erfolge sichtbar und besprechbar machen: Schulen benötigen Routinen, um Erfolge zu dokumentieren und zu feiern. Dies kann durch die gemeinsame Analyse von Schülerarbeiten, Tests oder Portfolios geschehen. Wenn ein Team sieht, dass seine gemeinsame Anstrengung Früchte trägt, stärkt dies die Überzeugung, auch zukünftige Herausforderungen meistern zu können.
- Eine Kultur des „Failing Forward“ etablieren: Zum Schaffen von Erfolgserlebnissen gehört auch ein konstruktiver Umgang mit Misserfolgen. Eine Kultur, in der es sicher ist, auszuprobieren und auch einmal zu scheitern, ermutigt Teams, ambitionierte Ziele zu verfolgen. Das gemeinsame Analysieren, warum eine Strategie nicht funktioniert hat, ist ebenfalls eine wertvolle Lernerfahrung, die die kollektive Kompetenz stärkt und den Weg für zukünftige Erfolge ebnet.
Stellvertretende Erfahrung: Voneinander und von anderen lernen
Die zweitstärkste Quelle der kollektiven Wirksamkeit ist die stellvertretende Erfahrung. Die Beobachtung, dass andere Menschen eine bestimmte Herausforderung erfolgreich meistern, stärkt die eigene Überzeugung, dies ebenfalls schaffen zu können. Die Forschung zeigt, dass der Effekt besonders stark ist, wenn die beobachteten Modelle als ähnlich wahrgenommen werden – Lehrkräfte profitieren also besonders von der Beobachtung ihrer direkten Kolleginnen und Kollegen.
Tipps zur praktischen Umsetzung:
- Strukturierte kollegiale Hospitationen: Hierbei geht es explizit nicht um eine Beurteilung, sondern um gezieltes Voneinander-Lernen. Teams können sich darauf einigen, sich gegenseitig bei der Anwendung einer neuen Methode zu beobachten. Klare Protokolle und ein Fokus auf konstruktives, erwünschtes Feedback sind entscheidend. Der Prozess muss als unterstützend und nicht als kontrollierend wahrgenommen werden.
- Gemeinsame Videoanalyse: Die Analyse von Unterrichtsvideos im Team entkoppelt die Beobachtung von der Live-Situation und ermöglicht eine tiefere, fokussiertere Diskussion über spezifische Lehrmethoden und deren Wirkung auf die Lernenden.
- „Learning Walks“ und „Best Practice Shares“: Bei „Learning Walks“ besucht ein kleines Team für wenige Minuten mehrere Klassenzimmer, um Beobachtungen zu einer spezifischen Fragestellung zu sammeln. „Best Practice Shares“ sind kurze, fünf- bis zehnminütige Präsentationen in Teamsitzungen, in denen eine Lehrkraft eine erfolgreiche Strategie oder ein gelungenes Unterrichtsmaterial vorstellt und zur Diskussion stellt.
Soziale Überzeugung: der Impact von glaubwürdigem Feedback
Verbale Ermutigung und konstruktives Feedback von vertrauten Personen stärken die Wirksamkeitserwartung im Team. Die Glaubwürdigkeit der Quelle ist dabei ebenso entscheidend (etwa die Schulleitung oder erfahrene Kolleginnen und Kollegen) wie die Qualität der Botschaft. Die Forschungssynthese von Taeschner et al. (2023) bestätigt, dass diese Form der sozialen Überzeugung dann am wirksamsten ist, wenn sie an konkrete, persönliche Erfahrungen anknüpft und sich auf individuelle Fähigkeiten sowie den erzielten Fortschritt konzentriert. Allgemeine Durchhalteparolen wie „Das schaffen wir schon!“ oder eine reine Fokussierung auf Fehler sind hingegen wirkungslos und können sogar zynisch wirken.
Tipps zur praktischen Umsetzung:
- Ermutigende Führung: Schulleitungen spielen beim Thema Feedback eine zentrale Rolle. Sie müssen nicht nur Ressourcen bereitstellen, sondern auch aktiv und wiederholt ihr Vertrauen in die Kompetenz und das Potenzial des Kollegiums kommunizieren. Dies geschieht durch die Anerkennung von Anstrengungen und Erfolgen. Das Lehrkräfte-Team sollte verbal darin bestärkt werden, dass es die Fähigkeiten besitzt, seine Ziele zu erreichen.
- Qualifizierte Peer-Feedback-Kultur: Schulen müssen Strukturen schaffen, in denen sich Lehrkräfte sicher fühlen, einander ehrliches und konstruktives Feedback zu geben und dieses auch anzunehmen. Dies erfordert klare Regeln, gegenseitigen Respekt und das gemeinsame Verständnis, dass Feedback ein wertvoller Beitrag zur professionellen Weiterentwicklung ist.
- Gezielter Einsatz externer Expertise: Fortbildungen und Coachings wirken dann stärkend, wenn sie als glaubwürdige, spezifische und unterstützende Impulse wahrgenommen werden, die an die spezifischen Bedürfnisse der Schule anknüpfen.
Schulklima-Wandel: Zuversicht statt lähmender Angst
Die emotionale Verfassung eines Teams beeinflusst direkt seine Wirksamkeitserwartung. Ein Klima aus Stress, Angst oder Überlastung schwächt die Überzeugung, Herausforderungen zu meistern. Eine Meta-Analyse mit 44 Studien und 32.053 Lehrkräften (Taeschner et al. 2023) zeigt: Hohe kollektive Wirksamkeit geht mit weniger Stress und Burnout sowie mit mehr Wohlbefinden einher. Ein Klima aus Optimismus, Unterstützung und psychologischer Sicherheit stärkt sie dagegen nachhaltig.
Tipps zur praktischen Umsetzung:
- Aktives Management von Stressoren: Eine der wichtigsten Aufgaben der Schulleitung ist es, das Kollegium vor unnötigen Belastungen, bürokratischen Hürden und externen Ablenkungen zu schützen, damit es sich auf seine Kernaufgabe – den Unterricht – konzentrieren kann.
- Kultivierung positiver Narrative: Die Art und Weise, wie in einer Schule über Herausforderungen und Erfolge gesprochen wird, prägt das Klima. Schulleitungen können gezielt den Fokus auf Lösungen, Fortschritte und Erfolgsgeschichten lenken, anstatt auf Probleme fixiert zu bleiben. Dies bedeutet nicht, Probleme zu ignorieren, sondern eine zuversichtliche und proaktive Haltung zu fördern.
- Achtsamkeit für das emotionale Klima: Eine gute Schulleitung hat ein Gespür für die emotionale Stimmung im Team. Sie erkennt aufkommende Spannungen, antizipiert potenzielle Konflikte in der Zusammenarbeit und interveniert frühzeitig – auf eine Weise, die respektvoll gegenüber allen Beteiligten ist und zur Lösung beiträgt.
Fazit: Für florierende CTE aus mehreren Quellen schöpfen
Diese vier Quellen bilden ein dynamisches, sich gegenseitig beeinflussendes System. Authentische Erfolgserlebnisse (Quelle 1) sind der stärkste Treiber. Doch um diese zu erreichen, braucht ein Team oft zunächst eine stellvertretende Erfahrung (Quelle 2), zum Beispiel die Beobachtung einer erfolgreichen Methode an einer anderen Schule. Darauf folgt die soziale Überzeugung (Quelle 3) durch eine Schulleitung, die sagt: „Das können wir auch, und hier ist der Plan, wie wir es angehen.“ Dies schafft einen positiven emotionalen Zustand (Quelle 4), der die Angst vor dem Neuen reduziert und die Motivation zur Umsetzung steigert. Der erfolgreiche Abschluss dieses Prozesses führt dann zu eigenen Erfolgserlebnissen, die wiederum zur stellvertretenden Erfahrung für andere Teams an der Schule werden.
Schulische Leitungskräfte, die dieses Zusammenspiel verstehen, können Interventionen gestalten, die mehrere Quellen gleichzeitig ansprechen und so eine sich selbst verstärkende positive Dynamik in Gang setzen. Verankerte reflexive Praktiken wie etablierte Routinen und Strukturen (beispielsweise regelmäßige, feste Treffen von Jahrgangs- oder Fachteams, datengestützte Analyse von Schüler:innenleistungen), in denen Kollegien immer wieder systematisch und evidenzbasiert über ihre Wirkung auf das Lernen der Schülerinnen und Schüler nachdenken, sind dabei der Motor, der den CTE-Kreislauf am Laufen hält.





