Es darf keine ‚Generation Corona‘ geben!

Interview mit Dr. Katharina Werner und Dr. Larissa Zierow

Wie Schulkinder die Schulschließungen Anfang 2021 verbrachten, zeigt eine aktuelle Studie des Ifo Instituts. Das Ergebnis gibt Anlass zur Sorge: Die Lernzeit der Kinder hat sich pro Tag enorm verkürzt. Im Interview mit OM Schulmanagement teilen Dr. Katharina Werner und Dr. Larissa Zierow ihre empirischen Erkenntnisse und sprechen über mögliche Folgen der Coronakrise für eine ganze Generation. 

Wieviel haben Schüler:innen während der Schulschließungen gelernt?

Bildungsökonomisch betrachtet sind die beiden Schulschließungen im Frühjahr 2020 und Anfang 2021 bedenklich. Denn wenn Unterricht massiv ausfällt, sind die Folgen für einen Teil der Kinder erheblich. Das ist aus empirischen Studien der Vergangenheit bekannt. Die verringerte Lernzeit wirkt sich negativ auf ihre Bildungskarriere aus, mindert ihre Berufschancen und führt zu nachweisbar geringeren Einkommen. Deshalb ist es gut zu wissen, was Schülerinnen und Schüler im coronabedingten Distanz- und Wechselunterricht tatsächlich gelernt haben. Wie gut das Homeschooling funktioniert hat und wie im Vergleich zu einem regulären Schultag alles in allem erfolgreich gelernt wurde, das haben Dr. Katharina Werner und Dr. Larissa Zierow vom ifo Institut für Bildungsökonomik als Mitautorinnen einer Studie wissenschaftlich untersucht.

„Die Pandemie hat die Lernzeit drastisch verringert!“

Dr. Larissa Zierow

Die bundesweite Studie startete im März 2021. Mehr als 2000 Eltern wurden online befragt, wie ihre Kinder die Zeit verbracht haben, als ihre Schule während der zweiten Welle der Corona-Pandemie geschlossen war. Das Ergebnis ist ernüchternd: Nach Angaben der Eltern waren ihre Kinder im Schnitt 4,3 Stunden pro Tag mit schulischen Tätigkeiten befasst. Das sind gut drei Stunden weniger als an einem üblichen Schultag vor der Pandemie. Unterm Strich waren die Kinder sogar länger mit Fernsehen, Computer spielen oder mit ihrem Handy beschäftigt als mit Schulaufgaben. Zudem gab eine Mehrheit der Befragten an, dass ihr Kind zu Hause weit weniger gelernt hat als in einer regulären Unterrichtsstunde in der Schule. Insbesondere leistungsschwächere Schülerinnen, Schüler und Nicht-Akademikerkinder haben danach erhebliche Probleme, zu Hause konzentriert zu lernen. 

Wieviel Unterricht fand tatsächlich statt?

Laut Studie gab es lediglich bei einem Viertel der Schülerinnen und Schüler täglich Unterricht für die gesamte Klasse und das teilweise nur per Video. Das ist deutlich zu wenig, kritisieren die beiden Wissenschaftlerinnen. Man könne nicht erwarten, dass die große Mehrheit der Kinder in der Lage wäre, den ausgefallen Unterricht durch selbständiges Lernen zu kompensieren.

„Digitaler Unterricht muss strategischer koordiniert werden.“

Dr. Larissa Zierow & Dr. Katharina Werner

Auch bei digitalen Angeboten sei gemeinsames Lernen und Feedback durch die Lehrkraft enorm wichtig. Doch hier mangele es nach wie vor an durchdachten Konzepten und verbindlichen, koordinierten Angeboten. Das sei weniger den einzelnen Schulen anzulasten als vielmehr den verantwortlichen Politikern, die aus den Erfahrungen mit dem ersten Lockdown keine ausreichenden Konsequenzen gezogen hätten.

Wie können die Lerndefizite behoben werden?

Insgesamt müsse man davon ausgehen, dass die Schulschließungen zu großen Lerndefiziten geführt haben. Das gelte jedoch nicht für alle Kinder gleichermaßen. Deshalb seien differenzierte Lernstandserhebungen nötig, um Lehrkräfte in die Lage zu versetzen, Schüler:innen zielgerichtet und individuell zu fördern. 

„Lernstandserhebungen und Sofortangebote für Schülerinnen und Schüler müssen Hand in Hand gehen. Nachsorgende Bildungspolitik muss jetzt vor allem die Grundschulen in den Blick nehmen.“

Dr. Katharina Werner

Bis diese Daten erhoben und ausgewertet sind, würde es jedoch noch eine Zeit lang dauern. Deshalb sei es richtig, schon zuvor umfassend Nachhilfe anzubieten. Allerdings müsse dabei verstärkt darauf geachtet werden, dass man mit den Angeboten tatsächlich die Kinder erreiche, die sie am nötigsten brauchen. Dabei müsse auch der Erkenntnis Rechnung getragen werden, dass Bildung ein kumulativer Prozess ist. So sei aus bildungsökonomischer Sicht vor allem das in den Grundschulen vermittelte Basiswissen von entscheidender Bedeutung für den späteren Schulerfolg. Bei der Aufarbeitung der coronabedingten Lerndefizite müsse deshalb hierauf ein besonderes Augenmerk gerichtet werden, zumal es während des Lockdowns an Grundschulen vergleichsweise weniger digitale Ersatzangebote gegeben habe.  

Wird es eine Generation Corona geben?

Es sei zwar noch verfrüht, von einer Generation Corona zu sprechen, betonen die beiden Forscherinnen. Für diese These gebe es derzeit keine empirischen Belege. Gleichwohl gäben Studien aus der Vergangenheit Anlass zur Sorge. So seien etwa die bildungsökonomischen Folgen des Unterrichtsausfalls wegen eines Lehrerstreiks an Grundschulen untersucht worden. Dabei zeigte sich, dass betroffene Kinder aus sozial schwächeren Familien später im Erwerbsleben signifikante Einbußen zu verzeichnen hatten. Sie waren vergleichsweise häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen und auch die beruflichen Qualifikationen waren messbar niedriger. „Das muss uns eine Warnung sein“, sagt Dr. Katharina Werner, „nicht vorschnell zum Schulalltag zurückzukehren, sondern genau hinzuschauen, wie die in der Pandemie entstandenen Lerndefizite gründlich aufgearbeitet werden können, damit keine Generation Corona zurückbleibt.“

Das komplette Video-Interview finden Sie auf dem YouTube-Kanal der aim Akademie und hier im Podcast.