Förderung von AI Literacy im Rahmen veränderten Lehrens, Lernens und Prüfens in der Grundschule

Impulse für einen Grundschulunterricht, der Teilhabe, Reflexion und KI-Kompetenz fördert

Ein Beitrag von Uta Hauck-Thum, Alexander Gröschner, Hendrik Haverkamp, Nicole Wrana, Oliver Friehe, Stefan Jänen und Sina Karschöldgen über AI Literacy, neue Lernräume und die gemeinsame Verantwortung für zukunftsfähigen Unterricht in der Grundschule.

Grundlegende Veränderungen im Bildungssystem gelingen nur durch eine enge Zusammenarbeit von Wissenschaft, Praxis, Wirtschaft und Administration. Der Beitrag ist das Ergebnis eines intensiven Aushandlungsprozesses der Akteur:innen mit dem Ziel, Lehr-, Lern- und Prüfungsformate im Zuge technologischer Weiterentwicklungen gemeinsam zu verändern.

Die Ausgangslage

Rasante technologische Weiterentwicklungen stellen Akteur:innen im Bildungssystem derzeit vor allem hinsichtlich des Umgangs mit generativer Künstlicher Intelligenz (Artificial Intelligenz/AI) vor große Herausforderungen. Mit dem Einsatz Künstlicher Intelligenz wird, wie bereits bei der Einführung von Computer und Tablet, entweder die Hoffnung verbunden, tradierter Unterricht würde insgesamt besser und effektiver, oder aber die Warnung, Kinder würden am „echten“ Lernen gehindert. Der Diskurs über notwendige Veränderungen des Lehrens, Lernens und Prüfens in der Grundschule verstummt derzeit im Kontext der Forderung nach AI Literacy, die vor dem Hintergrund der Weiterentwicklung Künstlicher Intelligenz in den Vordergrund rückt. AI Literacy beschreibt das Wissen, die Fähigkeiten und das Verständnis, das notwendig ist, um Künstliche Intelligenz zu verstehen, kritisch zu reflektieren, verantwortungsvoll zu nutzen und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen zu beurteilen. Es geht also nicht nur um technisches Know-how, sondern auch um ethische, soziale und kulturelle Aspekte (Long, & Magerko, 2020).

Weiterlesen: Alle Beiträge von Professorin Uta Hauck-Thum
AI-Kompetenz, schulische Transformation, digitale Chancengerechtigkeit und Lernen in der Grundschule.

Stand der Literacy-Forschung

Es liegen bereits zahlreiche Arbeiten zu den Auswirkungen des kulturellen Wandels auf das Bildungssystem vor (Stalder 2016, Krommer 2019, Hauck-Thum & Noller 2021), die notwendige Veränderungen des Lehrens, Lernens und Prüfens vor dem Hintergrund weitreichender Digitalisierungsprozesse diskutieren. Darüber hinaus richtet auch die Literacy-Forschung die Perspektive auf grundlegende Veränderungen der Gegenstände und Handlungsfelder des Faches Deutsch im Zuge technologischer Weiterentwicklungen (Su, Ng & Chu, 2023). Dabei wird das herkömmliche, printbasierte Verständnis von Lese- und Schreibkompetenz als Reihe individuell verfügbarer, kontextunabhängiger Fertigkeiten in Frage gestellt (Kalantzis et al., 2016; Kinzer & Leu, 2016; Lankshear & Knobel, 2011; New London Group, 1996).

Beiden Ansätzen, der Digitalitäts- wie der allgemeinen Literacy-Forschung, ist die Annahme gemein, dass die Praktiken des Lesens und Schreibens in vielfältige sozio-kulturelle Kontexte eingebettet sind und sich in ihren facettenreichen Formen im ständigen Wandel befinden. Dieses Phänomen erfährt im Zeitalter Künstlicher Intelligenz, in dem sich fortlaufend neue Formen und Praktiken der Bedeutungsschaffung und -aushandlung etablieren, noch zusätzlich Verstärkung. Das digitale Medium als solches wird nicht als Werkzeug, Lehr- und Lerngegenstand begriffen. Vielmehr bilden die sich im digitalen Zeitalter verändernden medial-kommunikativen und sozio-kulturellen Praktiken den Ausgangspunkt, der sich gleichermaßen auf Unterrichtsgegenstände wie auf die Art der Auseinandersetzung auswirkt. Angesetzt wird dabei dem Grundverständnis nach „nicht an Techniken, sondern am kommunikativen Menschen“ (Grünberger, 2021, S. 215).

Konsequenzen für den Unterricht

Welche Konsequenzen ergeben sich aus diesem Verständnis für die Förderung von AI Literacy in der Grundschule?

Im Kontext Künstlicher Intelligenz wird erneut die Frage nach dem Mehrwert KI-gestützter Lehr- und Lernszenarien gestellt, ohne bislang die Notwendigkeit struktureller Veränderungen ausreichend in den Blick zu nehmen, die eine von technologischen Weiterentwicklungen geprägte Welt erfordert (Eickelmann et al. 2024). Um diese begrenzte Sichtweise zu durchbrechen, sollte statt der Vermittlung unumstößlicher Wahrheiten vermehrt auf die Fähigkeit Wert gelegt werden, Dinge immer wieder neu einschätzen zu können und Lösungsansätze zu komplexen Problemstellungen zu entwickeln (Cho et al. 2015). Schüler:innen mit heterogenen Lernvoraussetzungen benötigen dringend Unterstützung beim Erwerb übergreifender Kompetenzen (kommunizieren können, kreativ sein, kritisch denken können, Probleme lösen, handlungsfähig sein, KMK 2021), um auch zukünftig an einer Gesellschaft zu partizipieren, die von technologischem Fortschritt und komplexen Anforderungen geprägt ist. Der Einsatz von KI hat dabei das Potential, Kindern Zugänge der Beteiligung und Partizipationsräume zu eröffnen. Ändern sich gewohnte Strukturen des Lehrens, Lernens und Prüfens nicht, birgt die Nutzung von KI die Gefahr einer potenziellen Erosion kognitiver Fähigkeiten, dann nämlich, wenn Kinder Denkprozesse an die KI auslagern, um gewohnten Anforderungen zu genügen und ohne diese zunächst (kritisch) selbst hinterfragt zu haben. Um dies zu verhindern, benötigen Kinder gerade unter im Zeitalter künstlicher Intelligenz anregende Lernräume, ausreichend Zeit und passende Gelegenheiten, um Basiskompetenzen zu erwerben. Gleichermaßen sind Lehr- und Lernsettings aber so zu gestalten, dass notwendige übergreifende Kompetenzen entwickelt werden können, die nicht nur additiv gefördert werden, sondern integrativ aus gemeinschaftlichen Prozessen erwachsen. Ziel sollte ein diversitätssensibler Unterricht sein, der die Vielfalt der Schüler:innen und individuellen Voraussetzungen wertschätzt und gerechte Bildungschancen für alle anstrebt. Dies erfordert sensibilisierte Lehrkräfte, die die unterschiedlichen Voraussetzungen der Schüler:innen diagnostizieren, berücksichtigen und passende Unterstützung nachhaltig anbieten. Ziel ist eine höhere Lernwirksamkeit, um Bildungs- und Teilhabechancen aller Schüler:innen in der digitalen Welt zu gewährleisten, während Diversität gleichzeitig als Bereicherung anerkannt wird. Dadurch können Lehrkräfte von Anfang an dazu beitragen, Bildungsungleichheiten zu verringern und gerechte Bildungschancen für alle zu schaffen.

Relevante Kompetenzbereiche für die Grundschule unter den Bedingungen Künstlicher Intelligenz

Wenn Schule ihrem Auftrag gerecht werden will, alle Kinder beim Aufwachsen in einer von technologischem Fortschritt durchdrungenen Welt zu begleiten, sollte nicht nur auf die Formulierung KI-bezogener Kompetenzen fokussiert werden, die die bestehenden Kompetenzbereiche erweitern. Vielmehr sollte bei der Ausgestaltung von AI Literacy berücksichtigt werden, dass sich unter den Bedingungen Künstlicher Intelligenz das Denken und Handeln der Menschen verändert und auch die Vorstellung davon, wie Kinder lernen. Die folgenden Kompetenzbereiche fokussieren deshalb auf die Relevanz veränderten Lehrens, Lernens und Prüfens als solches und verstehen Künstliche Intelligenz als Motor eines sozio-kulturellen Wandels, der bestehende Strukturen fortlaufend modelliert.

  1. Technologien verstehen, nutzen und hinterfragen: Kinder erleben in anregenden Lernsettings aktiv, wie Technologien funktionieren, wozu sie genutzt werden können und wo ihre Grenzen liegen. Dazu zählt aktuell ein grundlegendes Verständnis von KI (z. B. Mustererkennung, Algorithmen) anhand einfacher Anwendungsbeispiele,. die Fähigkeit zur ko-kreativen Nutzung sowie die Förderung der Reflexionskompetenz beim kritischen Umgang (Wer steckt hinter der KI? Welche Daten werden verwendet?).
  2. Kommunizieren: Kinder erhalten vielfältige Gelegenheiten, um sich über relevante Themen auszutauschen und über gemeinsame Lernprozesse zu reflektieren. KI kann zur Kommunikation anregen und Kinder bei der sprachlichen Beteiligung unterstützen. Dadurch erhöht sich die Passung für Kinder mit heterogenen Lernvoraussetzungen.
  3. Kollaborieren: Im Rahmen kollaborativer Lehr- und Lernsettings haben Kinder die Gelegenheit, an relevante gemeinschaftliche Praktiken anzuknüpfen. KI kann Kinder dabei unterstützen, auf Basis ihrer individuellen Lernvoraussetzungen zu partizipieren und Teilhabe zu erleben.
  4. Gemeinsam Probleme lösen: Kinder setzen sich im gemeinschaftlichen Umgang mit relevanten inhaltlichen Herausforderungen auseinander. KI kann Kinder beispielsweise in Form von Chatbots durch den Problemlöseprozess führen und sie zu notwendigen Aushandlungsprozessen anregen.
  5. Kreativität entfalten: Kinder entwickeln eigene Ideen, beispielsweise beim Gestalten von Bildergeschichten oder beim Schreiben von Gedichten. KI kann Kinder dabei zur Textproduktion anregen. KI-generierte Bilder erleichtern das Verständnis für die Entstehung von Fake-News und motivieren zur kreativen Gestaltung eigener Produkte.
  6. Kritisch denken: Kinder sammeln beim Umgang mit relevanten Themen Informationen und gehen kritisch damit um. KI kann dazu beitragen, Informationen zu finden und zu strukturieren. Dabei erfahren Kinder unmittelbar, dass die Ergebnisse nicht ungefiltert übernommen werden dürfen, sondern kritisch geprüft werden müssen.
  7. Feedback nutzen: Kinder nutzen bei der Auseinandersetzung mit den Lerngegenständen individuelles und verständliches Feedback. KI unterstützt und motiviert beim selbstständigen Überarbeiten, fördert die Selbsteinschätzung und die Metakognition. Zudem dient das Feedback der Reflexion und Weiterentwicklung von Potenzialen im individuellen Lernprozess, ohne nur zu bewerten.
  8. Datenbasiert lernen: Kinder gestalten ihre Lernentwicklung auf Basis nachhaltiger Lernstandsdiagnostik. KI unterstützt ein nachhaltiges Monitoring, an das sich die adaptive Förderung anschließt. Das Vorgehen impliziert einen kritischen Umgang mit Daten.
  9. Technologieoffenheit entwickeln: Durch den kreativen Umgang mit KI entwickeln Kinder Offenheit für neue technologische Entwicklungen, die aber stets vor dem Hintergrund von Verantwortung, Ethik und Teilhabe diskutiert werden. In diesen Prozess wird die gesamte Schulgemeinschaft eingebunden: Schulleitungen, Schulträger, Schulaufsicht, Schüler:innen, Eltern und Lehrkräfte entwickeln gemeinsam ein Bewusstsein für die Gestaltung des Lehrens und Lernens vor dem Hintergrund technologischer Weiterentwicklungen.
  10. Handlungsfähig werden: Kinder erleben von Anfang an, dass Künstliche Intelligenz ihren Lernprozess begleitet, den sie aber auch weiterhin aktiv gestalten und strukturieren müssen. Dadurch gewinnen sie auch in einer von technologischem Fortschritt gekennzeichneten Welt Schritt für Schritt an Selbstbestimmtheit und Handlungsfähigkeit.

Fazit

Lehr-, Lern- und Prüfungsformate sollten vor dem Hintergrund kultureller Veränderungen gemeinsam weiterentwickelt werden. Künstliche Intelligenz kommt dabei zum Einsatz, um eine Schule der Zukunft zu gestalten, in der individuelles Lernen, Chancengerechtigkeit und Zusammenarbeit im Mittelpunkt stehen. KI unterstützt Lehrkräfte darin, Heranwachsenden personalisierte Lernwege auf Basis des persönlichen Lernstandes zu ermöglichen, Basiskompetenzen gezielt zu fördern und die Unterrichtsqualität nachhaltig zu verbessern. Gleichzeitig unterstützt KI Schüler:innen mit heterogenen Lernvoraussetzungen im Rahmen kooperativer Lernumgebungen dabei, sich ko-kreativ an der Bewältigung relevanter Themenstellungen zu beteiligen. Dabei erleben sie Selbstwirksamkeit, entfalten individuelle Potenziale und wachsen in einer Kultur des Miteinanders.