Hilft ein Growth-Mindset im Unterricht? Entscheidend ist, wie Schülerinnen und Schüler lernen.
Wachstumsorientiertes Denken kann Lernprozesse unterstützen. Wirklich entscheidend für nachhaltigen Lernerfolg sind gezielte, wirksame Lernstrategien

Ein Growth Mindset gilt in vielen Bildungsdebatten als Schlüssel zum Lernerfolg: Wenn Lehrkräfte an die Entwicklungsfähigkeit ihrer Schüler:innen glauben, erzielen diese bessere Ergebnisse. Doch wie belastbar sind diese Annahmen aus wissenschaftlicher Sicht? Prof. Veronica Yan gibt Einblicke in den aktuellen Forschungsstand und erklärt, warum effektives Lernen Methoden braucht.
Redaktion: Frau Professorin Yan, „Growth Mindset“ ist ein Begriff, der häufig fällt, wenn es um Lernerfolg geht. Was genau steckt dahinter?
Prof. Dr. Veronica Yan: Ein Growth Mindset beschreibt meist die Überzeugung, dass Intelligenz und Fähigkeiten nicht feststehen, sondern durch Anstrengung und Lernen veränderbar sind. Dieser Glaube steht dem sogenannten Fixed Mindset gegenüber, also der Überzeugung, dass Fähigkeiten angeboren und unveränderlich sind – man hat es „drauf“ oder eben nicht.
Growth Mindset in der Forschung
In der Forschung gibt es Unterschiede, was ein Growth Mindset genau umfasst: Manche Forschungen betrachten domänenspezifische Einstellungen, also ob man glaubt, dass sich etwa mathematische, musikalische oder schriftsprachliche Fähigkeiten verändern lassen. Eine Person kann in einem Bereich ein Fixed Mindset haben, in einem anderen aber ein Growth Mindset. Andere Forschungen untersuchen Überzeugungen zur Veränderbarkeit der Persönlichkeit oder Einstellungen zu Anstrengung, Fehlern, Durchhaltevermögen und Herausforderungen. Diese gelten mal als Folge, mal als Teil des Growth Mindsets oder einer Growth-Mindset-Kultur.
Deshalb ist oft unklar, was genau unter „Growth Mindset“ verstanden wird: Bezieht sich der Begriff auf alle diese Ideen, nur auf einige oder nur auf die Überzeugung, dass Intelligenz veränderbar ist? Viele Forschende sehen Letztere als Kernüberzeugung, aus der andere Einstellungen hervorgehen. Die kausalen Zusammenhänge und Modelle, wie das Growth Mindset andere Überzeugungen, Verhaltensweisen und Leistung beeinflusst, sind jedoch noch nicht eindeutig belegt.
Redaktion: Wie eindeutig lässt sich ein Growth Mindset von einem Fixed Mindset unterscheiden?
Yan: Die meisten Forschenden sehen Fixed und Growth Mindsets nicht als zwei klar getrennte Kategorien, sondern als Pole eines Kontinuums. Menschen können Überzeugungen dazwischen oder je nach Situation wechselnd haben – etwa glaubt ein Schüler mal an Anstrengungserfolg, mal nicht und eine Lehrerin lobt einerseits Anstrengung und andererseits „angeborene Intelligenz“.
Redaktion: Viele Schulen setzen auf Growth-Mindset-Programme, in der Hoffnung, Motivation und Leistung zu steigern. Welche Idee steht dahinter und was passiert bei solchen Interventionen konkret?
Yan: Die gängigsten Interventionen bestehen aus kurzen, webbasierten Modulen, die individuell von Schüler:innen bearbeitet werden. In diesen Modulen wird häufig vermittelt, dass das Gehirn wie ein Muskel funktioniert – es wächst und wird leistungsfähiger (und klüger), wenn man es regelmäßig fordert. Außerdem beinhalten diese Interventionen Reflexionsaufgaben und sogenannte „Saying-is-believing“-Übungen, bei denen die Schüler:innen beispielsweise darüber schreiben, was sie aus Herausforderungen lernen. Das zentrale Ziel dieser Maßnahmen ist es, einen Anstoß zu geben, der Schüler:innen ermutigt, sich Herausforderungen aktiv zu stellen und auch in schwierigen Situationen dranzubleiben.
Redaktion: Welche empirischen Belege gibt es für die Wirksamkeit von Growth-Mindset-Interventionen im Schulkontext?
Yan: Kurz gesagt: Die empirische Evidenz zeigt, dass Growth-Mindset-Interventionen für einzelne Schüler:innen kaum oder keinen Einfluss auf die schulische Leistung haben. Differenzierter betrachtet profitieren bestimmte Gruppen – etwa leistungsschwächere Schüler:innen an benachteiligten Schulen und vor allem in MINT-Fächern – unter bestimmten Bedingungen, nämlich, wenn Lehrkräfte und Mitschüler:innen eine herausforderungsbereite Haltung vorleben und Lernfehler als Teil des Prozesses behandeln.
„Lernende sollten nicht davon ausgehen, dass sich Lernen von Anfang an leicht anfühlen muss.“
Prof. Dr. Veronica Yan
Redaktion: Gibt es Kernideen aus dem Growth-Mindset-Konzept, die Sie – unabhängig von konkreten Interventionen – dennoch für hilfreich erachten?
Yan: Es gibt andere Aspekte, die ich nicht als zentral für das Wachstums-Mindset sehe, sondern nur damit in Verbindung bringe – die ich aber deutlich hilfreicher finde als den bloßen Glauben daran, dass Intelligenz veränderbar ist. Besonders wichtig erscheint mir die Vorstellung, dass Anstrengung eine zentrale Rolle im Lernprozess spielt. Lernende sollten nicht davon ausgehen, dass sich Lernen von Anfang an leicht anfühlen muss. Wichtig ist, Mindset-Interventionen nicht isoliert einzusetzen, sondern in ein umfassendes Lernsystem einzubetten, das Lehrerverhalten, Lernkultur, effektive Didaktik und lernförderliche Strategien umfasst.
Redaktion: Wie lässt sich diese Idee des Growth Mindsets in den Unterricht integrieren?
Yan: Ausgehend von der Idee, dass Anstrengung für das Lernen wichtig ist, zeigt die kognitive Lernforschung: Entscheidend ist nicht irgendeine Anstrengung, sondern die richtige Art von Anstrengung. Lernen gelingt dann, wenn man sich aktiv und über längere Zeiträume mit dem Stoff auseinandersetzt, etwa durch Wiederholen mit zeitlichem Abstand, Verknüpfen mit Vorwissen oder Abrufen aus dem Langzeitgedächtnis. Solche Strategien wirken zunächst mühsam, machen den Lernprozess langsamer und sind gerade deshalb effektiv. Man spricht von „wünschenswerten Erschwernissen“ (desirable difficulties), weil sie das Gelernte langfristig verankern.
Viele Schüler:innen vermeiden diese Strategien, weil sie den kurzfristigen Aufwand scheuen oder den Nutzen nicht erkennen. Eine wachstumsorientierte Haltung kann helfen, diese Anstrengung als sinnvollen Teil des Lernens zu begreifen – nicht als Zeichen von Schwäche. Als Lehrkräfte sollten wir deshalb nicht nur solche Strategien im Unterricht einsetzen, sondern auch explizit zeigen, wie effektives Lernen funktioniert und wie Schüler:innen es selbstständig anwenden können.
Redaktion: Wie können Lehrkräfte dazu beitragen, effektives Lernen zu fördern?
Yan: Um Fortschritte greifbar zu machen, kann es helfen, ähnliche Aufgaben über längere Zeiträume zu wiederholen (verteilte Wiederholung) und gezielt auf Verbesserungen hinzuweisen: „Das war anfangs schwer – jetzt gelingt es dir!“ Wichtig ist auch, viele Übungsmöglichkeiten ohne Leistungsdruck zu bieten. Fehler sollten im Lernprozess nicht bestraft werden, sondern als Teil des Lernens verstanden werden – begleitet von wachstumsorientierter Sprache: „Das stärkt dein Gedächtnis“, „Das ist eine Trainingsrunde in deinem Lernprozess.
Wenn Schüler:innen trotz Unterstützung Schwierigkeiten haben, können Lehrkräfte das Gespräch suchen. Gemeinsam können sie mit den Schüler:innen einfache, alltagstaugliche Lernstrategien entwickeln – zum Beispiel kurze Selbsttests unterwegs oder Verknüpfungen mit Alltagsmedien. So entsteht ein breiteres Verständnis davon, was effektives Lernen bedeuten kann. Ein Growth Mindset allein ist daher kein Allheilmittel. Als Lehrkraft muss man die richtigen Rahmenbedingungen schaffen, damit Lernen gedeihen kann.
Redaktion: Frau Professorin Yan, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Zur Person
Dr. Veronica Yan (Ph.D., University of California, Los Angeles) ist Associate Professor für Pädagogische Psychologie an der University of Texas at Austin. Ihre Forschung verbindet soziale, kognitive und pädagogische Psychologie und befasst sich mit den Grundlagen nachhaltigen Lernens und der Motivation. Neben Lehre und Forschung bietet sie Fortbildungen für Lehrkräfte an und engagiert sich in der Wissenschaftskommunikation. Ihre eigene Bildungslaufbahn führte sie durch Hongkong, England und die USA.
Original Interview
Does a growth mindset help in the classroom? What matters is how students learn.
A Growth Mindset Can Support Learning Processes. Truly sustainable learning success, however, depends on targeted and effective learning strategies. A Growth mindset is often seen as a key to academic success in educational debates: when teachers believe in their students’ ability to develop, those students tend to achieve better outcomes. But how robust are these assumptions from a scientific perspective? Professor Veronica Yan provides insights into the current state of research and explains why effective learning requires the right methods.
Editor: Professor Yan, the term “growth mindset” comes up frequently in discussions about learning success. What exactly does it mean?
Prof. Dr. Veronica Yan: A growth mindset typically refers to the belief that intelligence and abilities are not fixed, but can be developed through effort and learning. This belief stands in contrast to a fixed mindset, the view that abilities are innate and unchangeable—you either “have it” or you don’t.
Growth Mindset in research
Research varies in how it defines growth mindset. Some studies focus on domain-specific beliefs—for example, whether people believe mathematical, musical, or language skills can change. Someone might hold a fixed mindset in one domain but a growth mindset in another. Other studies examine beliefs about personality change or attitudes toward effort, mistakes, perseverance, and challenges. These are sometimes seen as consequences of a growth mindset, other times as components of a broader growth mindset culture.
This lack of consensus means it’s often unclear what exactly is meant by “growth mindset.” Does it refer to all these beliefs, just a few, or only the core belief that intelligence can grow? Many researchers consider this latter belief as the central conviction from which others stem. However, the causal links and models showing how a growth mindset affects other beliefs, behaviors, and performance are still not clearly established.
Editor: How clearly can we distinguish a growth mindset from a fixed mindset?
Yan: Most researchers agree that fixed and growth mindsets are not binary categories but two ends of a spectrum. People can hold beliefs that fall somewhere in between or shift depending on the context. Moreover, individuals can act in contradictory ways—for instance, a student might believe effort leads to success in one situation but not in another, or a teacher might praise effort one moment and innate talent the next.
Editor: Many schools implement growth mindset programs in hopes of boosting motivation and achievement. What’s the core idea behind these interventions, and what do they actually involve?
Yan: The most common interventions are brief, online modules aimed at individual students. In these interventions, it is common for students to read about the brain as being like a muscle—that it grows and gets stronger (and smarter) when you use it. These interventions might have quotes from other students about the strategies they use when they are stuck on tough problems. They also have elements of reflection and “saying-is-believing” exercises where students write about how they learn from challenges and write letters to other students about having a growth mindset. The core idea behind these interventions is to plant the seed that will help students lean into challenges and persist in the face of difficulty in academics. If a student doesn’t persist and instead gives up at the first hint of challenge, then they won’t get very far.
Editor: What does the empirical evidence say about the effectiveness of growth mindset interventions in schools?
Yan: In short: Empirical evidence shows that growth mindset interventions targeted at individual students have little to no effect on academic performance. Some studies do show small benefits for specific student groups – typically lower-achieving students in underperforming schools, and mostly in math and science subjects. However, these effects only appear when the surrounding social climate supports a challenge-oriented mindset – for example, when the teachers and peers model challenge-seeking, when teachers provide opportunities for redos instead of penalizing mistakes. Some researchers are now working to develop and test interventions directed at teachers, since teachers create the cultures within their own classrooms.
Editor: Are there core ideas from the growth mindset concept that you consider helpful—regardless of specific interventions?
Yan: There are other things that I do not consider core to growth mindset, but merely associated with it, that I find much more helpful than simply believing that intelligence is malleable. One particularly important idea is that effort plays a central role in the learning process. Learners should not expect learning to feel easy from the start. It's crucial not to implement mindset interventions in isolation, but rather embed them within a comprehensive learning system—one that includes teacher behavior, school culture, effective pedagogy, and evidence-based learning strategies.
Editor: How can this idea of a growth mindset be integrated into classroom teaching?
Yan: Starting from the premise that effort matters in learning, cognitive research shows: it’s not just any effort that counts, but the right kind of effort. Learning is most effective when students actively engage with the material over extended periods – for example, through spaced repetition, connecting new content to prior knowledge, or retrieving information from long-term memory. These strategies often feel more difficult and slow down the learning process, and that’s precisely why they work. They’re known as desirable difficulties because they lead to long-term retention.
Many students avoid these strategies because they require more effort in the short term, or they fail to recognize their value. A growth-oriented mindset can help learners see this effort as a meaningful part of learning – not as a sign of weakness. As educators, we should not only use these strategies in the classroom, but also explicitly demonstrate how effective learning works and how students can apply it independently.
Editor: What can teachers do to support effective learning?
Yan: To make progress more tangible, it can help to revisit similar tasks over time (spaced practice) and to explicitly point out improvements: “This was difficult at first—now you’re getting it!” It’s also important to provide many opportunities to practice without performance pressure. Mistakes should not be punished during the learning process but understood as a natural part of it—accompanied by growth-oriented language like: “This strengthens your memory,” or “This is a training round for your learning.”
When students struggle despite support, teachers can initiate a conversation. Together, they can develop simple, practical learning strategies—for instance, short self-quizzes on the go or making connections to everyday media. This helps build a broader understanding of what effective learning can look like. A growth mindset alone is not a magic solution. As educators, we need to create the right conditions for learning to thrive.
Redaktion: Professor Yan, thank you for this conversation.





