Klassenzusammensetzung als Schlüssel für Integration und Sprachförderung

Wie Schulen mit Vielfalt umgehen können und was die Forschung dazu sagt

Die Äußerung von Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU), sie sei offen für Obergrenzen für Kinder mit Migrationshintergrund in Schulklassen, sorgt für Kontroverse Debatten. Doch wie wirken sich Klassenzusammensetzungen tatsächlich auf gesellschaftlichen Zusammenhalt und Sprachkenntnisse aus? Zwei Forscher geben Einblicke in aktuelle Erkenntnisse und zeigen, worauf es in der Praxis ankommt.

Als Bundesbildungsministerin Karin Prien vor wenigen Wochen erklärte, sie sei offen für eine Obergrenze von zum Beispiel 30 oder 40 Prozent an Kindern mit Migrationshintergrund in Schulklassen, entbrannte eine hitzige Debatte: Würde eine solche Quote Integration fördern und ist sie besonders in Ballungsgebieten überhaupt umsetzbar in unserer Einwanderungsgesellschaft? Für Schulleitungen und Lehrkräfte stellt sich die Frage, wie sie mit der wachsenden Vielfalt in ihren Klassen konstruktiv umgehen können.

Wissenschaftliche Perspektiven: Was wirklich wirkt

Der Soziologe Hanno Kruse forscht aktuell mit einem Team der Uni Bonn dazu, wie kluge Klasseneinteilungen dabei helfen können, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken. „Ich habe das sehr positiv aufgenommen, dass Frau Prien davon gesprochen hat, dass die Diskussion unaufgeregt und fundiert wissenschaftlich ablaufen soll”,“ sagt Kruse. Er sieht durchaus Zusammenhänge zwischen Klassenzusammensetzung, Sprachförderung und gesellschaftlichem Zusammenhalt. Entscheidend sei aber, welche Ziele verfolgt werden: „Wenn wir davon ausgehen, dass es primär um Sprachkenntnisse gehen soll, dann ist eine Diskussion darüber, wie Klassen zusammengesetzt sind, der richtige Weg. Es gibt durchaus Evidenz, dass die Klassenzusammensetzung dabei eine Rolle spielt. Die Frage ist: "Welche Kriterien legt man an, um die Ziele möglichst scharf auszurichten?.“

Soziale Kohäsion und Freundschaften: Die unterschätzte Rolle der Klassenzusammensetzung

Kruse weist darauf hin, dass die Art und Weise, wie Schule organisiert wird, direkte Auswirkungen auf die sozialen Beziehungen der Kinder hat – und damit auf deren spätere Lebenschancen: „Freundschaftsbildung unter Kindern wird zentral strukturiert durch Schulorganisation. Kinder verbringen den Großteil ihrer Zeit in der Schule – und daraus ergeben sich direkt soziale Beziehungen. Diese haben Auswirkungen, die nachhaltig sind: auf den Austausch, auf Selbstbilder, auf spätere Ziele und Schulwege.“ Dabei zeigt die Forschung, dass nicht nur die Verteilung nach Geschlecht oder Sprachkenntnissen eine Rolle spielt, sondern auch, wie verschiedene Merkmale kombiniert werden. Kruse erläutert: „Das Zusammenspiel verschiedener Kategorien – etwa ethnische Zugehörigkeit und Geschlecht – ist bedeutsam dafür, ob sich Freundschaften segregiert oder integriert herausbilden.“

Deutsch als Zweitsprache: Ein Kriterium mit Potenzial

Jede Schule legt andere Kriterien an, wenn es darum geht, wie die Klassen zusammengesetzt werden. Kruses Befragung hat gezeigt, dass manche Schulen den Zufall entscheiden lassen, während andere ein aufwändiges Zuteilungsverfahren etabliert haben. Interessant sind Kruses Erkenntnissen zur Berücksichtigung von Sprachkenntnissen bei der Klasseneinteilung: "Welche der Kinder haben Deutsch als Zweitsprache? Das kann ein Kriterium sein, das sehen wir aber seltener. In unserem Sample waren das ungefähr 20 Prozent der Schulen, die sowas als relevantes Kriterium angegeben haben." Diese vergleichsweise geringe Zahl überrascht, da gerade Sprachkenntnisse im Zentrum der aktuellen Debatte stehen. Während mehr als 80 Prozent der Schulen in der Befragung angegeben haben, auf eine ausgewogene Geschlechterverteilung zu achten, scheint die bewusste Verteilung von Kindern mit unterschiedlichen Sprachkenntnissen noch nicht flächendeckend etabliert. Dabei könnte gerade hier ein Schlüssel für erfolgreiche Integration und Sprachförderung liegen. Kruse betont, dass es nicht nur um die isolierte Betrachtung einzelner Merkmale geht, sondern um deren Zusammenspiel: Werden Kinder mit Deutsch als Zweitsprache so verteilt, dass sie in allen sozialen Gruppen – auch innerhalb der geschlechtsspezifischen Freundschaftsnetzwerke – vertreten sind, kann dies die Chancen auf sprachlichen Austausch und Integration erhöhen. Für Schulleitungen könnte dies ein Ansatzpunkt sein, ihre Einteilungskriterien zu überdenken und gezielter zu kombinieren.

Zum Thema: Die SWK empfiehlt, gruppenübergreifende Identitäten gezielt zu fördern - Prof. Dr. Claudia Diehl, Mikrosoziologin an der Universität Konstanz, erklärt im Interview was das für Schulen bedeutet.

Kulturelle Polarisierung vermeiden: Was Studien zeigen

Der Ökonom Helmut Rainer hat mit seinem Team untersucht, wie sich unterschiedliche Klassenzusammensetzungen auf Integration auswirken. Er warnt vor einer sogenannten kulturellen Polarisierung: „Wenn zwei große Gruppen in einer Klasse sind – auf der einen Seite deutsche Jugendliche, auf der anderen Seite Jugendliche mit Migrationshintergrund, die eine große kulturelle Distanz aufweisen –, dann wirkt sich das eher negativ auf die Integration aus. Es gibt sehr wenig Kooperationsbereitschaft, kaum interkulturelle Freundschaften und insgesamt eine negative Einstellung gegenüber Migration.“

Besser funktioniere Integration, wenn es entweder eine deutliche Mehrheit und eine kleinere Minderheit gibt – oder mehrere kleinere Gruppen („Fraktionalisierung“): „Wenn man andere Formen von Diversität hat, also mehrere kleinere Gruppen, funktioniert Integration viel besser. Es ist wirklich diese kulturelle Polarisierung, zwei sehr unterschiedliche Gruppen, die sehr groß sind, wo Integration zusammenbricht.“
 

Handlungsempfehlungen für die Praxis

Beide Forscher betonen, dass die Einteilung der Klassen letztlich in der Verantwortung der Schulleitungen liegt und dass es keine Patentlösung gibt. Entscheidend sei, die lokalen Bedingungen, Ressourcen und Zielsetzungen zu berücksichtigen. Rainer empfiehlt, nicht an starren Quoten festzuhalten, sondern auf Maßnahmen im Klassenraum zu setzen: „Man kann zum Beispiel Sitzplatzzuweisungen zufällig machen, um Gruppenbildungen aufzubrechen. Oder Themen wie Inklusion und Integration in den Lehrplan integrieren.“
Soziologe Hanno Kruse sieht Potenzial darin, die Kriterien der Klasseneinteilung bewusster zu wählen und verschiedene Merkmale – etwa Sprache, Geschlecht, Wohnort – in Kombination zu betrachten, um Segregation zu vermeiden und den sozialen Zusammenhalt zu stärken.

Das Zusammenspiel der Kriterien: Mehr als nur Einzelbetrachtungen

Kruse gibt auch zu bedenken, wie wichtig es ist, bei der Klasseneinteilung nicht nur einzelne Kriterien separat zu betrachten, sondern deren Zusammenspiel zu berücksichtigen – insbesondere im Hinblick auf ihr Zusammenspiel mit Geschlecht. Während es üblich sein kann, Jungen und Mädchen oder Kinder mit Deutsch als Zweitsprache (DaZ) möglichst gleichmäßig auf Klassen zu verteilen, könne dies unbeabsichtigte Effekte haben. „Es ist unklar, wie dann Geschlecht mit Deutsch als Zweitsprache zusammenhängt, denn es kann dann sein, dass zum Beispiel von den Kindern, die Deutsch als Zweitsprache haben, die vier Kinder mit Deutsch als Zweitsprache in der Klasse 1 zufälligerweise alles Mädchen sind und die vier Kinder mit Deutsch als Zweitsprache in der Klasse 2 zufälligerweise alles Jungen.“ 

Eine solche Konstellation könne die Möglichkeiten zur Freundschaftsbildung und damit zur Integration erheblich einschränken, da Kinder primär innerhalb ihrer Geschlechtskategorien Freundschaften schließen. Wenn innerhalb einer Geschlechtsgruppe nur begrenzte Auswahlmöglichkeiten hinsichtlich der Sprachkenntnisse bestünden, wirke sich das negativ auf den sozialen Austausch aus. Die Betrachtung, die Merkmale wie DaZ-Status mit dem Geschlecht der Kinder kombiniert, sei hilfreich, um sozialen Zusammenhalt und integrativere Lernumgebungen zu schaffen, auch wenn dies aufgrund der Vielzahl zu berücksichtigender Faktoren oft eine Herausforderung darstellt.
 

Zur Person

Prof. Dr. Helmut Rainer ist Leiter des ifo Zentrums für Arbeitsmarkt- und Bevölkerungsökonomik sowie Professor für Volkswirtschaftslehre an der LMU München. Er forscht zu Familie, Bildung, Migration und sozialen Interaktionen aus ökonomischer Perspektive.

Zur Person

Hanno Kruse ist Soziologe und Juniorprofessor an der Universität Bonn. Er forscht zu sozialer Ungleichheit, Integration und den Auswirkungen von Klassenzusammensetzungen auf gesellschaftlichen Zusammenhalt und Bildungserfolg.