Kreativität fördern, Reflexion stärken: Das Potenzial literarischen Schreibens im Deutschunterricht

Schreiben ist zentral für sprachliche Bildung. Lehrkräfte können diesen Prozess fördern und auch KI kann Lernende in der kreativen Arbeit unterstützen

Literarisches Schreiben ist mehr als Textproduktion: Es schult Reflexion, Entscheidungsfähigkeit und Kreativität. Im Interview erklärt Dr. Daniela Matz, wie Schülerinnen und Schüler durch eigene Schreibprozesse ihre sprachliche und literarische Kompetenz entwickeln – und wie Lehrkräfte und KI diesen Prozess begleiten und fördern können. 

Redaktion: Frau Dr. Matz, beim Deutschunterricht denken viele zunächst an Gedichtanalysen oder Textinterpretationen. Sie forschen zu literarischem Schreiben. Wie wichtig ist literarisches Schreiben als Teil der sprachlichen Bildung?

Dr. Daniela Matz: Literarisches Schreiben ist entscheidend für die sprachliche und literarische Bildung. Beim Verfassen eigener Geschichten, Gedichte oder Szenen wählen Schüler:innen ein Thema und überlegen, wie sie es gestalten. Diese Entscheidungs- und Reflexionsprozesse können zusätzlich intensiviert werden, wenn sie die Texte ihrer Mitschüler:innen kennenlernen, etwa in Schreibkonferenzen oder Werkstattgesprächen. Dort werden eigene und fremde Texte gewürdigt, sprachliche Umsetzungsmöglichkeiten diskutiert und Varianten verglichen. Solche Vergleiche schulen die sprachliche Sensibilität und erweitern das Ausdrucksspektrum. Bildung in diesem Bereich bedeutet nicht nur Wissen, sondern auch situationsangemessene Kommunikation, Bewusstsein für sprachliche Gestaltung und ästhetische Erfahrungen. Literarisches Schreiben ist somit unverzichtbar für eine umfassende sprachliche Bildung.

Literarisches Schreiben im Unterschied zum kreativen Schreiben

In der Schule werden Schreibaufgaben oft als kreatives Schreiben bezeichnet, obwohl sie auch literarisches Schreiben sein können. Literarisches Schreiben zielt auf das Verstehen von Literatur, kreatives Schreiben auf die Entfaltung der eigenen Kreativität. Beide Formen überschneiden sich: Kreativität ist auch beim literarischen Schreiben wichtig, und beim kreativen Schreiben wird stets etwas über Literatur gelernt.

Redaktion: Welche positiven Effekte kann literarisches Schreiben auf die sprachliche und persönliche Entwicklung von Schülerinnen und Schülern haben?

Matz: Zwei zentrale Aspekte des literarischen Schreibens lassen sich besonders hervorheben: Erstens fördert es die Schreibkompetenz durch Austausch. Beim Besprechen eigener und fremder Texte erfahren Schüler:innen, ob ihre Texte verständlich sind, erhalten Feedback und lernen, ihre Entwürfe kritisch zu überarbeiten, sowohl inhaltlich als auch sprachlich. 

Zweitens ist literarisches Schreiben eng mit der Person der Autor:innen verbunden. Eigene Erfahrungen und Wissen fließen in die Texte ein, oft autobiografisch gefärbt. Im Schutzraum der Fiktion können diese durchlebt, erforscht und betrachtet werden. Dem Schreiben und insbesondere dem Erzählen wird deshalb im Allgemeinen eine wissensfördernde Funktion zugeschrieben: Indem man erzählt, gibt man Geschehnissen eine Bedeutung und Erklärung und formt sein Selbst- und Weltverständnis.

Redaktion: Sie sind am Literaturpädagogischen Zentrum des Literaturhauses Stuttgart mitbeteiligt am Fortbildungsprogramm „Literarisches Schreiben und sprachliche Bildung im Unterricht“. Was vermitteln Sie Lehrkräften dabei? 

Matz: Wir verfolgen zwei Ziele, die den beiden Weiterbildungsjahren zugeordnet sind: Im ersten Jahr sollen die Lehrkräfte in einer von ihnen gewählten literarischen Gattung selbst aktiv schreiben. In Gruppen unter Anleitung einer Autorin/eines Autors durchlaufen sie den gesamten Schreibprozess und erleben so am eigenen Beispiel, wie sie später Lernende anleiten können. 

Im zweiten Jahr wird dieses Wissen in die Praxis übertragen. Die Teilnehmenden werden bei der Umsetzung von Schreibprojekten im Unterricht begleitet und beraten. Dabei stehen Fragen zur curricularen Einbettung sowie Aufgabenauswahl und -differenzierung im Mittelpunkt. Außerdem wird thematisiert, wie kreativ-literarische Texte beurteilt und gegebenenfalls bewertet werden können.

Redaktion: Ihr Fortbildungsprogramm legt großen Wert darauf, dass Lehrkräfte selbst literarisch schreiben. Wie wirkt sich diese eigene Schreibpraxis auf ihre Haltung und Unterrichtsgestaltung aus? 

Matz: Viele Teilnehmende entdecken im Programm ihre Freude am Schreiben. Durch die zweijährige Weiterbildung entwickeln sie eigene Schreibroutinen und werden teilweise zu habitualisierten Schreibenden, ein wichtiger Schritt, da viele Lehrkräfte nach Studium und Referendariat zu wenig Schreibpraxis haben. Das literarische Schreiben ist auch unter Lehrkräften nicht selbstverständlich, weshalb sie sich zunächst Schritt für Schritt an die Arbeit in den Schreibwerkstätten gewöhnen müssen. 

Diese Erfahrung macht sie sensibler für die Herausforderungen, denen Schüler:innen beim Schreiben begegnen. In der Folge überdenken sie oft ihre pädagogische Haltung und passen ihren Unterricht an: Sie wissen besser, wie Schreibaufgaben lernförderlich gestaltet werden, wie wichtig regelmäßiges Üben und Feedback sind und wie sie Lernende bei der Textüberarbeitung wirksam unterstützen können.

Redaktion: Einer Ihrer Forschungsschwerpunkte ist die Schnittstelle von KI und literarischem Schreiben. Inwiefern verändert KI die Praxis des literarischen Schreibens im Unterricht?

Matz: Wir werten gerade erste Daten aus und können daher noch nicht ins Detail gehen. Klar ist jedoch: KI verändert die Schreibpraxis grundlegend. Chatbots erzeugen große Textmengen, deren Qualität gesichtet und eingeschätzt werden muss, wenn sie sinnvoll in den eigenen Arbeitsprozess integriert werden sollen. Die Arbeit wird dadurch oft komplexer, besonders für schwächere Leser:innen und Schreiber:innen, die häufig die Qualität der KI-Texte nicht zuverlässig einschätzen können. 

Zur Frage der Kreativität: KI kann fruchtbare Ideen liefern, wenn man geschickt promptet, sie kann die Kreativität aber auch hemmen. Entscheidend ist die Experimentierfreude der Nutzer:innen. Wer Lust auf verschiedene Prompts und kreative Schreibstrategien hat, kann interessante Ergebnisse erzielen. Viele Schüler:innen sind jedoch unsicher und eher auf „gute“ Ergebnisse ausgerichtet, statt auf Experimente. Eine Konsequenz ist, dass Schreibaufgaben im Deutschunterricht so gestaltet werden sollten, dass variable Ergebnisse möglich sind – literarisches Schreiben bietet hierfür viele Chancen.

Redaktion: Wie verändert sich der Begriff von Originalität, wenn KI als Co-Autorin am Schreibprozess beteiligt ist?

Matz: Im Themenkomplex Originalität und Autorschaft wird sich vermutlich viel ändern. Eine mögliche Auswirkung ist, dass der Begriff der Originalität erweitert wird. Bisher beziehen wir ihn meist auf sprachliche Formulierungen und Ideenfindung. Neu könnte sein, dass auch die Arbeitsprozesse selbst als originell betrachtet werden: Wie ist jemand zu seinem Text gelangt? Wie wurden mediale Möglichkeiten genutzt? Wie kreativ geht jemand mit vorhandenen Texten um, etwa bei der Kombination von Textbausteinen?

Redaktion: Künstliche Intelligenz wird oft dafür kritisiert, dass sie zum Skill Skipping verleitet und Lernende dazu bringt, vorgegebenen Mustern zu folgen, anstatt eigene Ideen zu entwickeln. Welche Chancen und Risiken sehen Sie deshalb bei der Integration von KI-gestütztem Schreiben im schulischen Alltag?

Matz: Diese Sorge ist berechtigt: In vielen Fällen könnten bisher als wichtig erachtete Fähigkeiten tatsächlich nicht mehr erlernt werden. Entscheidend ist jedoch die Frage, welche neuen Kompetenzen stattdessen notwendig sind. Begriffe wie „Skill Skipping“ oder „Deskilling“ beziehen sich auf Bildungsziele, die unter früheren, anderen medialen Bedingungen als selbstverständlich galten. Das bedeutet nicht, dass diese Ziele aufgegeben werden sollten, sondern dass geprüft werden muss, welche Fähigkeiten in einer digitalen und KI-geprägten Welt besonders wichtig sind. 

Schreiben und Lesen bleiben wahrscheinlich zentrale Schlüsselkompetenzen, da sie den Zugang zu schriftlich festgehaltenem Wissen sichern. Auch Hören und Sprechen könnten an Bedeutung gewinnen, sowohl für direkte menschliche Kontakte als auch durch die digitale Verarbeitung mündlicher Sprache. 

Für das Lernen gilt: Texte produzieren und Fähigkeiten entwickeln ist nur möglich, wenn die Lernenden selbst aktiv werden. Dabei kommt den Lehrkräften eine entscheidende Rolle zu: Sie begleiten, beraten und unterstützen den Lernprozess.

Redaktion: Inwiefern kann KI dazu beitragen, die Heterogenität in Klassen produktiv für poetische Bildungsprozesse zu nutzen? 

Matz: Hier möchte ich mit einer Anekdote antworten: Neulich erzählte eine Lehrkraft begeistert von einem Schüler, der dank der Einbindung von KI im Schreibprozess Arbeitsschritte ausführen konnte, die ihm sonst schwergefallen wären. Dieser Schüler, der oft unter Schreibblockaden litt und sich als schwach im Schreiben einschätzte, arbeitete an einer Geschichte. Währenddessen führte die Lehrkraft wiederholt Gespräche mit ihm über seinen Text. 

Bei der späteren Durchsicht der Daten zeigte sich zunächst, dass der Text aus vielen KI-Textbausteinen bestand. Im Gespräch mit der Lehrkraft wurde jedoch deutlich, dass der Einsatz der KI dem Schüler half, eine eigene Textidee zu entwickeln und diese im Dialog mit der Lehrkraft zu begründen. So fand Lernen statt, das an konkreten Textstellen und Formulierungen weitergeführt werden kann, ein Prozess, der ohne die KI, aber ebenso ohne die Lehrkraft nicht möglich gewesen wäre.

Redaktion: Frau Doktorin Matz, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Zur Person

Oberstudienrätin Dr. Daniela Matz ist Kollegiatin im Postdoc-Kolleg TEIFUN an der Universität Tübingen und forscht dort zum Literarischen Schreiben mit künstlicher Intelligenz. Zudem ist sie als Dozentin im Fortbildungsprogramm „Literarisches Schreiben und sprachliche Bildung im Unterricht“ am Literaturpädagogischen Zentrum des Literaturhauses Stuttgart tätig.