Psychische Gesundheit an Schulen stärken: Fortbildung und Schularchitektur als entscheidende Faktoren
Lehrkräftefortbildungen und bewusst gestaltete Lernräume fördern die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen

Immer mehr Kinder und Jugendliche leiden unter psychischen Belastungen, und viele Lehrkräfte fühlen sich im Umgang damit überfordert. Fortbildungen können hier Sicherheit geben. Ergänzend wirken auch strukturelle Maßnahmen wie multiprofessionelle Teams und eine unterstützende Gestaltung der Schulräume positiv auf die psychische Gesundheit.
Wie Schulen psychische Gesundheit fördern können
Das Deutsche Schulbarometer 2024 hat errechnet, dass Kinder und Jugendliche während ihrer Schulzeit etwa 8.000 Stunden im Unterricht verbringen – das entspricht rund einem Viertel ihrer wachen Zeit in diesen Jahren. Schulen sind damit nicht nur Lern-, sondern auch Lebensorte und zentrale Ansatzpunkte, um psychische Gesundheit zu fördern. Die Forderungen der Bundesschülerkonferenz können hier wichtige Weichen stellen; entscheidend ist, sie wissenschaftlich fundiert umzusetzen, denn die Forschung liefert in vielen Bereichen bereits eine solide Evidenzbasis. In diesem Beitrag stehen strukturelle Maßnahmen im Mittelpunkt. Darüber hinaus verweist die Forschung auf weitere Ansatzpunkte wie pädagogische Maßnahmen im Unterricht sowie Prävention und stabile Beziehungen im Schulalltag.
Strukturelle Maßnahmen
1. Lehrkräftefortbildungen geben Handlungssicherheit
Lehrkräfte können das Wohlbefinden ihrer Schülerinnen und Schüler wirksam stärken, fühlen sich dabei aber oft überfordert, weil sie neben dem Bildungsauftrag auch emotionale Unterstützung leisten sollen. Fortbildungen bieten hier einen wichtigen Ansatzpunkt: Studien zeigen, dass sie die Kompetenz und Handlungssicherheit von Lehrkräften erhöhen (Jorm et al., 2010). Ein international etabliertes Beispiel ist Mental Health First Aid (MHFA), das Teilnehmende befähigt, psychische Probleme früh zu erkennen, angemessen zu reagieren und Unterstützung zu leisten, bis professionelle Hilfe greift. Das Modul „Youth“ ist speziell für den schulischen Kontext entwickelt. Gleichzeitig bleibt offen, inwieweit solche Schulungen langfristig das Verhalten von Lehrkräften und die Situation der Schülerinnen und Schüler verändern, da belastbare Langzeitstudien fehlen (Yamaguchi et al., 2020). Forschende empfehlen deshalb, Fortbildungen immer als Teil eines umfassenden Unterstützungssystems zu verankern, das auch Schulsozialarbeit, klare Meldewege und Peer-Support-Strukturen einschließt.
2. Schulpsychologische Unterstützung verbessert Wohlbefinden
Die Bundesschülerkonferenz fordert in ihrem 10-Punkte-Plan mehr Schulsozialarbeiter und Schulpsychologinnen. Systematische Evaluationsstudien zur Wirksamkeit solcher Maßnahmen sind bislang selten, und auch die zugrunde liegenden Wirkmechanismen, etwa über Beziehungsqualität, Struktur oder Unterstützung, sind noch wenig erforscht. Schulpsychologische Unterstützung ist in Deutschland zudem unterrepräsentiert: Während 2017 in Ländern wie Spanien, Großbritannien oder Frankreich rund 75 Prozent der Schulen abgedeckt waren, lag der Anteil hierzulande bei nur etwa 25 Prozent (Patalay, 2017). Aktuelle Daten des Deutschen Schulbarometers 2024 zeigen kaum Fortschritte: Nur 61 Prozent der Lehrkräfte halten die psychosoziale Infrastruktur ihrer Schule für ausreichend, 38 Prozent bewerten die schulpsychologische Unterstützung als völlig unzureichend. Erste Hinweise zur Wirksamkeit schulpsychologischer Beratung liefert eine PISA-2022-Analyse (Peñate & Rodríguez, 2025), wonach psychologische Beratung das Wohlbefinden steigert, Prüfungsängste senkt und besonders benachteiligte sowie nicht-muttersprachliche Schülerinnen und Schüler stärkt. Länder mit gut ausgebauten Unterstützungsstrukturen wie Finnland oder Kanada berichten entsprechend von zufriedeneren und weniger ängstlichen Kindern und Jugendlichen.
3. Mental Health Coaches einbinden
Seit 2023 sind an rund 100 deutschen Schulen Mental Health Coaches tätig, die als direkte Ansprechpersonen für Schülerinnen und Schüler fungieren. Die Fachkräfte bieten Gruppenangebote zu Resilienz, Stressbewältigung und mentaler Gesundheit an. Eine Evaluation der Universität Leipzig (Rodney-Wolf et al., 2024) zeigt, dass das Angebot von Schülerinnen, Schülern, Lehrkräften und Schulleitungen gut angenommen wird, Wissen und Offenheit im Umgang mit psychischer Gesundheit stärkt und das Gefühl der Unterstützung verbessert. Zugleich wird eine längere Präsenz und klare institutionelle Verankerung gewünscht. Das Bundesjugendministerium fördert das Programm bis zum Ende des Schuljahres 2025/26; eine Verlängerung hängt von künftigen Haushaltsentscheidungen ab.
4. Inklusion erfolgreich gestalten
Gelingende Inklusion ist ein zentraler Baustein für die psychische Gesundheit von Schülerinnen und Schülern, da sie Teilhabe, Zugehörigkeit und soziale Unterstützung stärkt. Professionell ausgebildete Schulbegleitungen spielen dabei eine Schlüsselrolle, doch sie brauchen von Seiten der Schulen auch klare Rahmenbedingungen und systematische Strukturen: verbindliche Aufgabenprofile, abgestimmte Einsatzzeiten, standardisierte Ausbildung und regelmäßige Supervision sichern eine reibungslose Zusammenarbeit mit Lehrkräften und die optimale Unterstützung der Kinder (Rief et al., 2025). Die INSIDE-Studie, die die Umsetzung inklusiver Bildung an deutschen Schulen untersucht, zeigt zudem, dass erfolgreiche Inklusion auf kooperativen Teams aus Regel- und Sonderpädagoginnen und -pädagogen, einer wertschätzenden Schulkultur und gezielter Förderung sozialer Teilhabe beruht. Ergänzend können digitale Werkzeuge individuell unterstützen - der Ansatz der Diklusion liefert dafür praxisnahe Impulse für inklusiven Unterricht und partizipative Schulentwicklung.
5. Gestaltung von Schulräumen beeinflusst Wohlbefinden
Die Bundesschülerkonferenz fordert mehr Rückzugsräume, gute Akustik, viel Tageslicht und ausreichend Platz – und die Forschung bestätigt dies. Zahlreiche Studien zeigen, dass die Lernumgebung das Wohlbefinden und die Leistung messbar beeinflusst: Schülerinnen und Schüler in Räumen mit viel natürlichem Licht schneiden in Mathematik und Lesen besser ab (Cheryan et al., 2014), gute Akustik unterstützt das Sprachverständnis und inklusives Lernen (Gheller, 2023). Regelmäßige Pausen, Bewegungsangebote und kurze Ruhepausen steigern Konzentration, Lernleistung und psychische Stabilität (Jianghong, 2019). Rückzugsräume und aktiv gestaltete Pausenhöfe verstärken diesen Effekt, während Farben wirken: Kräftige Töne wie Rot-Purpur oder Gelb fördern Aufmerksamkeit, Blau- und Lilatöne beruhigen (Duyan, 2022). Gleichzeitig zeigt die Forschung: Ein One-size-fits-all-Konzept gibt es nicht. Lernräume müssen die Vielfalt ihrer Nutzerinnen und Nutzer widerspiegeln. Entscheidend ist daher, Schülerinnen und Schüler aktiv einzubeziehen und Veränderungen evidenzbasiert sowie partizipativ umzusetzen.
Fazit
Die Forderungen der Bundesschülerkonferenz machen deutlich, dass Kinder und Jugendliche mit ihren Problemen nicht allein gelassen werden dürfen. Schulen können durch gezielte pädagogische Maßnahmen, Präventionsprogramme und stabile Beziehungen sowie durch Fortbildungen und durchdachte Raumkonzepte wichtige Unterstützung bieten. Gleichzeitig können Schulen nicht alle Probleme lösen: Präventions- und Unterrichtsprogramme dürfen nicht über gesellschaftliche Ursachen oder strukturelle Defizite hinwegtäuschen. Dazu zählen Krisen, soziale Determinanten, wirtschaftliche Unsicherheiten, chronischer Stress oder der Mangel an Therapieplätzen. Eine nachhaltige Förderung psychischer Gesundheit erfordert daher die Kombination aus schulischen Maßnahmen, gesellschaftlicher Unterstützung und einem gut ausgebauten Versorgungssystem.





