Psychische Gesundheit an Schulen stärken: Pädagogische Maßnahmen im Fokus

Schulen können durch gezielte pädagogische Maßnahmen die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen fördern

Krisen, Leistungsdruck, Ängste und soziale Ungleichheiten belasten die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Die Bundesschülerkonferenz fordert daher mehr Unterstützung von Politik und Schulen. Dieser Beitrag zeigt, welche pädagogischen Maßnahmen Schulen dafür einsetzen können.

Status quo: Psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen

Immer mehr Kinder und Jugendliche in Deutschland fühlen sich psychisch belastet, und die Folgen zeigen sich im Alltag ebenso wie in der Schule. Rund ein Fünftel der jungen Menschen im Alter von 7 bis 22 Jahren berichtet im Rahmen der COPSY-Studie (Kaman et al., 2025) von psychischen Auffälligkeiten, Ängsten oder einer verringerten Lebensqualität – deutlich mehr als vor der Corona-Pandemie. Besonders betroffen sind Mädchen, Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien und Kinder mit Migrationshintergrund. Auch Sorgen über Kriege, wirtschaftliche Krisen, die Klimakatastrophe und die Spaltung der Gesellschaft haben zugenommen. Ein weiteres zentrales Thema ist Einsamkeit. So gaben 18 Prozent der Befragten im Herbst 2025 an, sich manchmal, häufig oder sogar dauerhaft einsam zu fühlen. 

Einflussfaktoren auf die psychische Gesundheit

Die psychische Gesundheit wird von einem Zusammenspiel aus genetischer Veranlagung, familiären Strukturen und sozialen Bedingungen geprägt – zusätzlich können äußere Krisen wie Pandemien oder andere belastende Ereignisse das psychische Wohlbefinden stark beeinflussen. Zahlreiche Studien belegen, dass insbesondere die Corona-Pandemie negative Auswirkungen auf die mentale Gesundheit hatte. Kinder und Jugendliche waren dabei besonders betroffen: Eine europaweite Untersuchung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) zeigt, dass während der Schulschließungen depressive Symptome bei ihnen etwa deutlich häufiger auftraten als vor der Pandemie. 

Das Deutsche Schulbarometer 2024 bestätigt: Rund ein Viertel der Schülerinnen und Schüler empfindet die eigene Lebensqualität als niedrig und macht sich häufig Sorgen um die Zukunft. Belastend wirken vor allem Leistungsdruck, finanzielle Unsicherheit und fehlende soziale Unterstützung, verstärkt durch strukturelle Probleme wie Unterrichtsausfälle, mangelndes Feedback und fehlende Gesprächsmöglichkeiten. Scham, Unwissenheit und Angst vor Stigmatisierung zeigen zudem, dass psychische Probleme weiterhin ein Tabuthema sind. Besonders auffällig ist, dass mehr als die Hälfte der psychisch auffälligen Jugendlichen und insgesamt etwa ein Fünftel der Befragten von einem geringen schulischen Wohlbefinden berichtet. 
 
Gleichzeitig belegen die Studien, dass familiäre und soziale Ressourcen wichtige Schutzfaktoren darstellen. Niedrigschwellige Angebote in Schulen, eine unterstützende Schulkultur und ein positives schulisches Wohlbefinden können daher entscheidend dazu beitragen, die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen zu stabilisieren und zu fördern. 

Studien zur psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen

  • Die COPSY-Längsschnittstudie untersucht die Auswirkungen und Folgen der COVID-19-Pandemie sowie weiterer globaler Krisen auf die psychische Gesundheit und das Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen in Deutschland.  
  • Die HBSC-Studie (Health Behaviour in School-aged Children) ist eine internationale Studie zur Gesundheit und dem Gesundheitsverhalten von Schulkindern, die im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation (WHO) durchgeführt wird. Sie befragt Schülerinnen und Schüler regelmäßig zu Themen wie körperliche Aktivität, psychisches Wohlbefinden, Mobbing, Gesundheitskompetenz und Gesundheitsverhalten im sozialen Kontext.  
  • Das Deutsche Schulbarometer ist eine jährliche, repräsentative Befragung der Robert Bosch Stiftung, die seit 2019 die Situation an Schulen in Deutschland untersucht. Es erfasst Einschätzungen von Lehrkräften, Schülerinnen und Schülern sowie Eltern zu Themen wie Wohlbefinden, Unterrichtsqualität und schulische Zusammenarbeit. 

Forderungen der Bundesschülerkonferenz

Die Bundesschülerkonferenz (BSK) fordert die Politik angesichts zunehmender psychischer Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen zum Handeln auf. In ihrer im Oktober 2025 vorgestellten Kampagne "Uns geht's gut?" spricht sie von einer „Krise der mentalen Gesundheit unter jungen Menschen“ und präsentiert einen Zehn-Punkte-Plan der psychischen Gesundheit. 
 
Kernforderungen der BSK sind mehr Personal in Schulsozialarbeit und Schulpsychologie sowie bessere Schulstrukturen mit individueller Förderung, ausreichend Pausen, Entlastung der Lehrkräfte und Ganztagsangebote. Medienkompetenz und mentale Gesundheit sollen als Querschnittsaufgaben in allen Fächern verankert werden, unterstützt durch gezielte Fortbildungen für Lehrkräfte. Gesundheitsförderung soll fester Bestandteil der Schulkultur werden, ergänzt durch verbindliche Schutzkonzepte gegen Mobbing und Diskriminierung. Schülerinnen und Schüler sollen Schlüsselkompetenzen wie Selbstregulation und Stressbewältigung erwerben, während Schulbauten Rückzugsräume, viel Licht, gute Akustik und ausreichend Platz bieten sollten. Besondere Aufmerksamkeit gilt zudem der Unterstützung von Kindern mit Behinderungen und Jugendlichen in Risikosituationen. 

Wie Schulen psychische Gesundheit fördern können

Das Deutsche Schulbarometer 2024 hat errechnet, dass Kinder und Jugendliche während ihrer Schulzeit etwa 8.000 Stunden im Unterricht verbringen – das entspricht rund einem Viertel ihrer wachen Zeit in diesen Jahren. Schulen sind damit nicht nur Lern-, sondern auch Lebensorte und zentrale Ansatzpunkte, um psychische Gesundheit zu fördern. Die Forderungen der Bundesschülerkonferenz können hier wichtige Weichen stellen; entscheidend ist, sie wissenschaftlich fundiert umzusetzen, denn die Forschung liefert in vielen Bereichen bereits eine solide Evidenzbasis. In diesem Beitrag stehen pädagogische Maßnahmen im Mittelpunkt. Darüber hinaus spielen Prävention und stabile Beziehungen sowie Fortbildungen und eine gute Schularchitektur eine zentrale Rolle. 

Pädagogische Maßnahmen

1. Individuelle Förderung und konstruktive Unterstützung 

Eng verknüpft mit dem Wohlbefinden von Schülerinnen und Schülern ist laut Deutschem Schulbarometer 2024 die wahrgenommene Unterrichtsqualität. Besonders konstruktive Unterstützung kann sich dabei positiv auf Motivation, Selbstwirksamkeit und ein gesundes Selbstkonzept auswirken. Zentral dafür sind drei Elemente (Fauth & Dehmel, 2025): 

  • Kognitive Unterstützung: Zentral hierfür ist das Scaffolding. Dabei bietet die Lehrkraft temporäre, adaptive Hilfestellungen an, die genau dort ansetzen, wo die Lernenden allein nicht weiterkommen. Sobald das Verständnis wächst, wird diese Unterstützung Schritt für Schritt zurückgenommen, um das eigenständige Lernen zu fördern. 
  • Ein zentraler Faktor für effektive, konstruktive Unterstützung ist lernwirksames Feedback. Damit es positiv wirkt, sollte es drei Bereiche abdecken: den aktuellen Lernstand („How am I doing?“), das angestrebte Ziel („Where am I going?“) und die nächsten Schritte („Where to next?“) – also nicht nur auf Fehler hinweisen, sondern Lernenden konkret zeigen, wie es besser geht. 
  • Ebenso wichtig ist die sozial-emotionale Unterstützung: Sie stärkt das Gefühl von Kompetenz, Autonomie und sozialer Eingebundenheit. Dazu zählen die Beziehungen zwischen Lehrkräften und Lernenden ebenso wie das Miteinander unter Schülerinnen und Schülern.  

 2. Selbstregulationskompetenz fördern 

Selbstregulationskompetenz – die Fähigkeit, Gedanken, Emotionen und Verhalten zielgerichtet zu steuern – gilt als ein zentraler Schutzfaktor für psychische und körperliche Gesundheit. Defizite in diesem Bereich treten bei vielen psychischen Störungen auf, etwa bei Suchterkrankungen oder Depressionen, und verschlechtern das Wohlbefinden. 
 
Wissenschaftliche Studien zeigen, dass Menschen mit stärker ausgeprägter Selbstregulation tendenziell weniger psychische Probleme entwickeln (Moffitt et al., 2011), auch wenn der kausale Zusammenhang noch nicht eindeutig geklärt ist. Es bleibt bislang also offen, ob eine eingeschränkte Selbstregulation psychische Erkrankungen auslöst oder ob beide Phänomene auf denselben zugrunde liegenden Einflussfaktoren beruhen. Wichtig für die Förderung der psychischen Gesundheit über die Selbstregulationskompetenz ist das Erlernen und Einüben hilfreicher Strategien, wie etwa die Neubewertung von Problemen oder konkrete „Wenn-dann“-Pläne. 
 
Zu den schulischen Förderstrategien, die gezielt Selbstregulationsmechanismen stärken, gehören verhaltensorientierte Programme wie die US-amerikanischen Ansätze Good Behavior Game und Positive Behavioral Intervention & Supports, die durch positive Verstärkung sowie klare Regeln die Lernatmosphäre verbessern und problematisches Verhalten reduzieren. Ergänzt werden sie durch kognitiv-verhaltensorientierte Ansätze wie WOOP, bei denen Kinder lernen, Ziele zu formulieren, Hindernisse zu erkennen und konkrete Handlungspläne zu entwickeln. Für jüngere Kinder setzt Feel Your Best Self stärker bei der Emotionsregulation an und vermittelt einfache Strategien zur Beruhigung, Gefühlswahrnehmung und sozialen Verbindung. Insgesamt zeigen erste Evaluationen, dass diese Programme wirksam zur Förderung verschiedener Dimensionen der Selbstregulation beitragen (Leopoldina, 2025). 
 
3. Medienkompetenz stärken 
Viele Kinder und Jugendliche erleben digitale Medien ambivalent: Laut COPSY-Studie fühlen sich rund ein Drittel durch belastende Inhalte, ein Fünftel durch Ausgrenzung oder Abwertung online belastet, und etwa ein Viertel bewertet die Nutzung insgesamt negativ. Besonders soziale Medien und unrealistische Schönheitsideale können psychische Belastungen wie Essstörungen verstärken (Dane & Bhatia, 2023). 
 
Evidenzbasierte Ansätze zur Förderung der Medienkompetenz umfassen Lernanwendungen wie beispielsweise InstaClone, die gezielt dabei unterstützen, Inhalte kritisch zu reflektieren, die Wirkung von Algorithmen zu erkennen und den Umgang mit Online-Druck zu trainieren. Das wissenschaftlich evaluierte Programm Medienhelden der FU Berlin zielt darauf ab, Cybermobbing vorzubeugen und die Medienkompetenz von Schülerinnen und Schülern der Klassen 7 bis 10 zu stärken. Beim Projekt Medienscouts NRW unterstützen sich Jugendliche gegenseitig bei Fragen zu digitalen Medien – auch dieses Konzept ist wissenschaftlich evaluiert. Wichtig ist außerdem, Jugendliche mit ihren medialen Eindrücken nicht allein zu lassen und ihnen pädagogische Räume zu bieten, in denen sie offen und ohne Bewertung Fragen stellen können. 
 
Auch die wiederholte Konfrontation mit Fake News oder manipulativen Inhalten kann Stress, Verunsicherung und Angst fördern. Eine Sonderauswertung der PISA-Studie 2022 zeigt: Zwar finden rund 69 Prozent der 15-Jährigen in Deutschland Informationen im Internet, doch nur etwa 47 Prozent können deren Qualität zuverlässig beurteilen. Medienkompetenz kann hier schützen: Wer Quellen kritisch prüft, Inhalte hinterfragt und Auffälligkeiten erkennt, reduziert Verunsicherung und fördert die eigene Selbstwirksamkeit. Schon einfache Maßnahmen wie gezielte Sensibilisierung, spielerische Tools wie der SWR Fakefinder, konkrete Unterrichtsmaterialien der Landesinstitute oder die Einbindung von Journalistinnen und Journalisten in den Unterricht, helfen Jugendlichen, die Glaubwürdigkeit von Informationen einzuschätzen. 
 
4. Mental Health Literacy vermitteln 
Psychische Gesundheitskompetenz („Mental Health Literacy“) umfasst das altersgerechte Wissen über psychologische und neurobiologische Grundlagen sowie das Bewusstsein, dass solche Fähigkeiten erlernbar sind. Sie beinhaltet, eigene Stärken und Schwächen zu erkennen, wirksame Strategien zur Förderung der psychischen Gesundheit zu kennen und anzuwenden sowie bei Bedarf Unterstützung in Anspruch zu nehmen. 
 
Viele Jugendliche haben jedoch Defizite beim Erkennen psychischer Erkrankungen und beim Wissen über Hilfsangebote. Studien zeigen, dass schulische Programme das Wissen und Verständnis über psychische Gesundheit deutlich verbessern können (Amado-Rodríguez et al., 2022), während Effekte auf Stigmatisierung und Hilfesuchverhalten geringer ausfallen. Für das deutsche Unterrichtsprogramm „Psychische Gesundheit und Schule“ wurden in einer Studie mit 251 Schülerinnen und Schülern signifikante Verbesserungen in Wissen, Einstellungen und Hilfe-Such-Selbstwirksamkeit nachgewiesen (Kirchhoff et al., 2023). Lehrkräfte benötigen für das Unterrichtsprogramm keine speziellen Vorkenntnisse, müssen die Umsetzung aber sorgfältig vorbereiten. Gleichzeitig gilt: Bisher zeigen Studien vor allem kurzfristige bis mittelfristige Effekte; belastbare Langzeituntersuchungen fehlen noch. Forschende empfehlen daher, Wissensvermittlung mit offener Gesprächskultur und sozialen Maßnahmen, etwa stabilen Lehrer-Schüler-Beziehungen, zu verknüpfen (siehe Abschnitt „Lehrer-Schüler-Beziehung stärken“). 
 
5. Resilienz im Unterricht fördern 
Internationale Studien, etwa die Metaanalyse von Maria Llistosella et al. (2023), zeigen, dass schulische Interventionen die Resilienz von Jugendlichen deutlich steigern können, insbesondere Programme mit kognitivverhaltenstherapeutischen Elementen. In Deutschland hat das Leibniz-Institut für Resilienzforschung das Programm BEWARE entwickelt, das die mentale Gesundheitskompetenz von Schülerinnen und Schülern der Klassen 5 bis 10 durch altersgerechte Unterrichtseinheiten, Lehrkräfte-Schulungen und praktische Übungen stärkt. Ziel ist es, Stigmatisierung abzubauen und eine offene Schulkultur zu fördern, zum Beispiel durch Übungen zur Selbstwirksamkeit, bei denen Lernende ihren eigenen Beitrag zu positiven Ergebnissen erkennen, während Lehrkräfte Impulse für eine ressourcenorientierte Unterrichtsgestaltung erhalten. 
 
6. Positive Fehlerkultur etablieren 
Auch das Klassenklima und die Schulkultur sind entscheidend: Wird Leistung als Hürde oder als gemeinsame Herausforderung erlebt? Gibt es Verlässlichkeit, Fairness und Unterstützung oder überwiegen soziale Konflikte? Klare Regeln, konsequente Anerkennung und verlässliche Ziele schaffen Sicherheit und fördern Motivation. Lehrkräfte können dies unterstützen, indem sie den Lernprozess und die investierte Mühe sichtbar machen, Fehler als Lernchancen begreifen – wie es das Konzept des produktiven Scheiterns vorsieht – und eine Kultur fördern, die weniger auf externe Belohnungen setzt, um die Selbstmotivation und die natürliche Freude am Lernen der Schülerinnen und Schüler zu stärken. 

Zwischenfazit

Die Forderungen der Bundesschülerkonferenz machen deutlich, dass Kinder und Jugendliche mit ihren Problemen nicht allein gelassen werden dürfen. Schulen können durch gezielte pädagogische Maßnahmen sowie die Vermittlung wichtiger Zukunftskompetenzen wie Selbstregulation und Medienkompetenz wirkungsvoll unterstützen. Darüber hinaus hat die Forschung weitere Ansatzpunkte wie Prävention und stabile Beziehungen sowie Fortbildungen und eine gute Schularchitektur als zentrale Faktoren identifiziert.