Psychische Gesundheit an Schulen stärken: Prävention und Beziehungen als Schlüssel
Prävention, frühzeitige Unterstützung und stabile Lehrkraft-Schüler-Beziehungen stärken nachweislich die psychische Gesundheit

Psychische Probleme bei Kindern und Jugendlichen nehmen seit Jahren spürbar zu. Die Bundesschülerkonferenz fordert deshalb mehr Unterstützung von Politik und Schulen. Dieser Beitrag zeigt, wie Schulen durch Prävention, Früherkennung und eine tragfähige Beziehungskultur die psychische Gesundheit stärken können.
Wie Schulen psychische Gesundheit fördern können
Das Deutsche Schulbarometer 2024 hat errechnet, dass Kinder und Jugendliche während ihrer Schulzeit etwa 8.000 Stunden im Unterricht verbringen – das entspricht rund einem Viertel ihrer wachen Zeit in diesen Jahren. Schulen sind damit nicht nur Lern-, sondern auch Lebensorte und zentrale Ansatzpunkte, um psychische Gesundheit zu fördern. Die Forderungen der Bundesschülerkonferenz können hier wichtige Weichen stellen; entscheidend ist, sie wissenschaftlich fundiert umzusetzen, denn die Forschung liefert in vielen Bereichen bereits eine solide Evidenzbasis. In diesem Beitrag stehen gesundheitsfördernde und soziale Maßnahmen im Mittelpunkt. Darüber hinaus hat die Forschung weitere Ansatzpunkte wie pädagogische Maßnahmen sowie Fortbildungen und eine gute Schularchitektur als zentrale Faktoren identifiziert.
Gesundheitsfördernde Maßnahmen
1. Bewegung im Schulalltag fördern
Laut HBSC-Studie 2022 erreichen nur wenige Kinder und Jugendliche in Deutschland die WHO-Empfehlung von täglich mindestens 60 Minuten moderater körperlicher Aktivität. Doch auch Bewegungsmangel kann sich negativ auf Psyche und Sozialkompetenz auswirken und Stress, Angst, Depressionen sowie ein niedriges Selbstwertgefühl fördern. Schon einfache Maßnahmen wie kurze Aktivierungsübungen oder Bewegungspausen können die körperliche Aktivität steigern. Gezielte körperorientierte Förderansätze stärken darüber hinaus die Stressregulation und Resilienz, indem sie zwischen Aktivierung und Entspannung wechseln. Im Vor- und Grundschulbereich kombinieren Programme wie TigerKids, EMYK oder das ket-Entspannungstraining kindgerecht Elemente aus Yoga, Qigong, progressiver Muskelentspannung und autogenem Training. An weiterführenden Schulen vermitteln Programme wie Health.edu++ bewegungsbezogene Gesundheitskompetenzen oder fördern, wie das Programm MOVIGEN, soziale Kompetenzen im Schulsport (Leopoldina, 2025).
2. Präventionsprogramme an Schulen umsetzen
Präventionsprogramme existieren für verschiedene psychische Erkrankungen bei Jugendlichen, darunter Essstörungen, Depressionen und Angststörungen. Schulische Präventionsprogramme gegen Depression und Angst zeigen Potenzial, allerdings sollten die Erwartungen realistisch sein: Die Effekte sind meist klein bis mittelgroß, langfristige Effekte sind aufgrund fehlender Studien bislang kaum nachgewiesen. Als besonders wirksam haben sich Ansätze herausgestellt, die sowohl kognitive als auch soziale Kompetenzen fördern (Zhang et al., 2023). In Deutschland zeigt etwa das Präventionsprogramm MaiStep gegen Essstörungen, wie solche Ansätze umgesetzt werden können: Nach einer kostenlosen eintägigen Schulung an der Universitätsmedizin Mainz können Lehrkräfte das wissenschaftlich evaluierte Programm eigenständig durchführen und erhalten dafür umfassende Materialien.
3. Gegen Mobbing vorgehen
Nach Angaben der HBSC-Studie waren 2022 rund 14 Prozent der Schülerinnen und Schüler von Mobbing betroffen, ein nahezu unveränderter Wert seit 2017. Um Mobbing wirksam zu begegnen, sollten Schulen klare Interventionsstrukturen etablieren, in denen festgelegt ist, wer bei Fällen aktiv wird und wie das Kollegium eingebunden ist. Regelmäßige Unterrichtseinheiten, etwa mit Rollenspielen oder Bildassoziationen, vermitteln Handlungskompetenzen, Empathie und ein Verständnis für Rollen im Mobbinggeschehen. Ein Beispiel für ein wissenschaftlich begleitetes Programm zur Prävention an Schulen ist Mobbing&Du. Zudem empfiehlt sich ein festes Kernteam aus Lehrkräften, Schulsozialarbeit und Schulleitung, das als zentrale Anlaufstelle fungiert und eine Kultur des Hinsehens etabliert. Studien zeigen, dass allein das wahrnehmbare Eingreifen von Lehrpersonen Mobbing reduzieren kann (Fischer, 2021).
4. Improtheaterkurs kann bei sozialen Ängsten helfen
Auch soziale Ängste haben seit der Corona-Pandemie zugenommen. Viele betroffene Kinder und Jugendliche meiden es, vor anderen zu sprechen, ihre Meinung zu äußern oder fühlen sich in Gruppen nicht wohl – Unsicherheiten, die ohne Unterstützung oft fortbestehen. Dabei können auch kreative Ansätze wirksam sein: Eine Studie der University of Michigan (Felsman et al., 2018) zeigt, dass ein zehnwöchiger Improtheaterkurs bei 268 Jugendlichen mit sozialer Angststörung die Symptome bei nahezu der Hälfte deutlich verringerte und zugleich Selbstvertrauen stärkte. Solche Ergebnisse sind erste, aber vielversprechende Hinweise darauf, dass Schulen von vielfältigen, niedrigschwelligen Angeboten profitieren können, die soziale Sicherheit und positive Beziehungserfahrungen gezielt fördern.
5. Mehr Früherkennung durch Fortbildungen
Viele psychische Probleme bei Jugendlichen, etwa Stimmungsschwankungen oder depressive Symptome, werden oft zu spät erkannt. Das gemeinnützige Start-up tomoni mental health will das ändern: Mit einem digitalen Fortbildungsprogramm lernen Lehrkräfte, Warnsignale frühzeitig wahrzunehmen und gezielt Unterstützung anzubieten. Das interaktive Programm umfasst acht 90-minütige Module, die flexibel online besucht werden können, sodass Lehrkräfte nicht zusätzlich belastet werden. Entwickelt wird tomoni gemeinsam mit betroffenen Jugendlichen unter wissenschaftlicher Begleitung vom Universitätsklinikum Würzburg.
Weiterlesen:
- Lernen in Bewegung: Warum Aktivität für Motivation und Schulerfolg entscheidend ist
- „Intervention bei Mobbing ist wichtig. Und keine Raketenwissenschaft“
- Wenn die Schule kein sicherer Ort mehr ist – Was Schulen gegen Mobbing tun können
- Angst, Depressionen, Essstörungen: wichtige Warnzeichen im Klassenzimmer
Soziale und beziehungsorientierte Maßnahmen
Soziale Beziehungen können entscheidend zum Wohlbefinden beitragen und Einsamkeit entgegenwirken. Laut Deutschem Schulbarometer 2024 schätzen Schülerinnen und Schüler an ihrer Schule vor allem den Kontakt zu Freundinnen und Mitschülern (25 Prozent) sowie die Beziehung zu Lehrkräften (17 Prozent).
1. Lehrer-Schüler-Beziehung stärken
Lehrer-Schüler-Beziehungen haben großen Einfluss auf das Wohlbefinden an Schulen. Positive Beziehungen reduzieren Stress, fördern Achtsamkeit und helfen Schülerinnen und Schülern, belastende Situationen besser zu bewältigen (Mills-Webb & Hennessey, 2025). Eine Studie an Grundschulen in Nordrhein-Westfalen (Ialuna et al., 2024) zeigt, dass Kinder, die enge Beziehungen zu ihren Lehrkräften wahrnehmen, sich wohler fühlen und stärker mit der Schule verbunden sind; besonders deutlich ausgeprägt ist dies bei Schülerinnen und Schülern mit Migrations- oder Fluchterfahrung. Darüber hinaus zeigt eine kanadische Studie, dass positive und responsive Lehrer-Schüler-Beziehungen die Bereitschaft von Schülerinnen und Schülern erhöhen, bei psychischen Problemen Unterstützung in Anspruch zu nehmen (Halladay et al., 2020). Wichtige Elemente einer unterstützenden Lehrer-Schüler-Beziehung sind Vertrauen, konstruktive Unterstützung, ein respektvoller Umgang und ermutigendes Feedback.
2. Peer-Unterstützung: Auf kooperative Lernmethoden setzen
Gleichaltrige haben einen starken Einfluss auf die Entwicklung und das psychische Wohlbefinden von Schülerinnen und Schülern: Sie prägen Einstellungen, Verhalten und schulische Leistungen, können aber für Mobbingverhalten verantwortlich sein. Studien (u.a. Low et al., 2023) zeigen, dass kooperative Lernmethoden – bei denen Zusammenarbeit, gegenseitige Unterstützung und soziales Lernen im Vordergrund stehen – die peer-basierte Unterstützung stärken und gleichzeitig Viktimisierung reduzieren. Dadurch verbessert sich nicht nur das soziale Klima in der Schule, sondern auch das psychische Wohlbefinden der Lernenden. Im Unterricht eingesetzt werden können dafür unter anderem Lernformen wie Think-Pair-Share, Peer-Tutoring oder Gruppendiskussionen mit klar zugewiesenen Rollen.
3. Diversität wertschätzen stärkt psychische Gesundheit
Laut der HBSC-Studie haben gender-diverse Jugendliche im Vergleich zu Jungen ein 4,4-fach erhöhtes Risiko, ihre subjektive Gesundheit als eher schlecht zu bewerten. Bei Mädchen ist dieses Risiko um das 1,7-fache erhöht. Auch Neurodivergenz ist mit einem erhöhten Risiko für psychische Belastungen und Erkrankungen verbunden. Schulen, die Diversität – etwa in Bezug auf Geschlecht, Kultur, Herkunft oder Neurodivergenz – wertschätzen, fördern daher das psychische Wohlbefinden. Studien zeigen, dass ein positives Schulklima, in dem Vielfalt anerkannt wird, das Zugehörigkeitsgefühl stärkt und psychische Belastungen reduziert (McField et al., 2025).
Damit diversitätsfreundliche Lernumgebungen wirksam werden, spielt die Haltung der Lehrkräfte eine zentrale Rolle: Sie sollten ihre eigenen Einstellungen reflektieren, persönliche Vorurteile erkennen und von Seiten der Bildungspolitik gezielt durch Fortbildungen unterstützt werden. Wie entscheidend die Haltung ist, zeigen beispielsweise Studien, denen zufolge insbesondere Schülerinnen und Schüler im Autismus-Spektrum von stärkenbasierten Ansätzen profitieren: Wenn ihre Fähigkeiten in den Mittelpunkt gestellt werden, steigert das nachweislich sowohl Lernmotivation als auch Selbstwertgefühl (White et al., 2023). Ein Klima der Akzeptanz entsteht zusätzlich durch klare Regeln gegen diskriminierende Äußerungen und konsequentes Eingreifen, etwa bei Homophobie oder Transphobie. Darüber hinaus sollten Schulen und Bildungspolitik Lehrpläne, Unterrichtsfächer und Schulbücher auf stereotype Rollenbilder überprüfen und gezielt queere oder neurodivergente Identitäten sowie unterschiedliche Lebensrealitäten einbeziehen. Lehrkräfte können ihren Handlungsspielraum nutzen, etwa durch die Erweiterung des Literaturkanons um diversere Autorinnen und Autoren, um Selbstwirksamkeit und Zugehörigkeitsgefühl zu stärken. Unterstützend können Lehrkräfte auf Materialien und Netzwerke wie Queer Lexikon, Schule der Vielfalt oder QUEERFORMAT zurückgreifen, um den Unterricht diversitätsbewusst und antidiskriminierend zu gestalten. Auch das Georg-Eckert-Institut bietet auf der Plattform Zwischentoene.info Materialien zu Geschlechtsidentität und sexueller Orientierung an, außerdem eine Unterrichtseinheit zu Homo- und Transphobie .
4. Schul-Community: Gesundheit als Gemeinschaftsaufgabe
Eine Metanalyse zeigt, dass sich unterstützende Interaktionen zwischen Schülerinnen, Schülern, Lehrkräften, Eltern und Gemeinschaft positiv auf das Wohlbefinden auswirken und Angst und Verhaltensauffälligkeiten reduzieren (García-Carrión et al., 2018). Dazu zählen Programme zur Förderung sozialer Kompetenzen, wie zum Beispiel Peer-Mentoring, bei dem ältere Schülerinnen und Schüler jüngere begleiten oder bei sozialen Konflikten unterstützen. Familienbasierte Kooperationen wie Workshops oder gemeinsame Aktivitäten sowie ein respektvolles, inklusives Schulklima vermitteln Sicherheit und Zugehörigkeit.
Ein wissenschaftlich begleitetes Programm zur Stärkung der Schulkultur ist MindMatters. Ursprünglich in Australien entwickelt und dort flächendeckend evaluiert, wird es seit 2006 bundesweit eingesetzt und gilt als eines der umfassendsten Programme zur Förderung psychischer Gesundheit an Schulen. Es richtet sich an Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte und zielt auf ein sicheres, respektvolles und unterstützendes Schulklima ab. Eine begleitende Studie (Dadaczynski et al., 2025) mit über 3.000 Grundschulkindern und 370 Lehrkräften zeigte positive Effekte, darunter weniger psychische Auffälligkeiten, ein besseres Klassenklima, weniger Mobbing und stärkeren pädagogischen Zusammenhalt. MindMatters umfasst ein Schulentwicklungsmodul sowie acht Unterrichtsmodule für die Klassen 1 bis 13; alle Materialien sind kostenfrei, inklusiv nutzbar und werden durch praxisnahe Fortbildungen ergänzt.
Weiterlesen:
- Neue Forschung zu Lehrer-Schüler-Beziehungen: Warum sie so wichtig sind wie nie zuvor
- Fehler als Chance: Lernen durch produktives Scheitern
- Ausdauer, die ansteckt: Wie Peer-Groups Lernen und Leistung prägen
- Zu männlich, zu weiß: Impulse für mehr Vielfalt im Deutschunterricht
- Schule als sicherer Ort: Wie wir queere Jugendliche wirksam schützen können
Zwischenfazit
Neben dem Unterricht mit seinen pädagogischen Maßnahmen bilden Präventionsprogramme, vertrauensvolle Lehrkraft-Schüler-Beziehungen und eine wertschätzende Schulkultur ein wirksames Netzwerk zur Erhaltung und Förderung der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. In Kombination mit strukturellen Maßnahmen wie multiprofessionellen Teams oder einer unterstützenden Schularchitektur entsteht ein ganzheitliches Konzept, das Schulen bereits heute umsetzen können.





