„Schüler:innen wissen am besten, woran es im Bildungssystem womöglich hakt“

Dr. Juliane Grünkorn und Dr. Melanie Verhovnik-Heinze plädieren im Interview für einen stärkeren Einbezug der Schülersicht in die Schulentwicklung.

Die Bildung der Zukunft betrifft nicht nur Schulleitungen, Forschung und Politik, sondern natürlich auch die Lernenden selbst. Das Projekt „enorM – Lernen von (ÜBER)MORGEN“ fordert Schülerinnen und Schüler deshalb dazu auf, ihre Fragen und Ideen zur Zukunft des Lernens mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zu diskutieren. Im Gespräch mit Online-Magazin schulmanagement erläutern die beiden Projektleiterinnen das Projekt des DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation.

Redaktion: Über die Bedingungen für gutes Lernen und die Zukunft von Schulen wird besonders seit Corona intensiv diskutiert – in der Wissenschaft, der Politik, aber auch in Schulen durch Schulleitungen, Lehrkräfte und Eltern – Wie entstand die Idee Ihres Projektes, Schülerinnen und Schüler in den Mittelpunkt zu stellen?

Dr. Juliane Grünkorn: Die Corona-Pandemie hat das Thema Lernen und Schule noch einmal stärker in den Fokus gerückt. Wir haben den Eindruck, dass es in Diskussionen dazu und allgemein in Aushandlungsprozessen vor allem Politikerinnen und Politiker, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und allenfalls noch Lehrpersonen sind, die zu Wort kommen und die den Diskurs mitbestimmen. Schülerinnen und Schüler selbst aber eher nicht, obwohl sie diejenigen sind, die das Geschehen unmittelbar betrifft und die Entscheidungen auch mittragen müssen. Wir haben uns daher mit dem Projekt „enorM – Lernen von (ÜBER)MORGEN“ beim „Wissenschaftsjahr 2022 – Nachgefragt!“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) beworben und richten uns ganz konkret an Schülerinnen und Schüler. Ihnen möchten wir eine Plattform geben und von ihnen wissen, wie sie sich das Lernen in der Zukunft vorstellen und welche Ideen und Vorschläge sie dazu haben. 

„Im Hinblick auf wichtige Entscheidungs- und Aushandlungsprozesse in der Politik scheinen Schülerinnen und Schüler so gar kein Gehör zu finden und werden kaum beteiligt.“

Dr. Juliane Grünkorn

Redaktion: Sowohl in der Wissenschaft als auch in der Praxis, wird die Sicht von Schülerinnen und Schüler auf Schule bislang nur nachrangig genutzt – Wird Schule an Schülerinnen und Schülern vorbei entwickelt? 

Grünkorn: Die Sicht von Schülerinnen und Schülern wird in wissenschaftlichen Studien durchaus in den Blick genommen, wenn es zum Beispiel um Einschätzungen zur Qualität des Unterrichts geht. Dennoch wird das Potenzial der Schülerinnen und Schüler nicht voll ausgeschöpft. So könnte man ihren Ideen und Vorschlägen zum Unterricht und zum Lernen viel mehr Raum geben und diese nutzen. Im Hinblick auf wichtige Entscheidungs- und Aushandlungsprozesse in der Politik scheinen Schülerinnen und Schüler so gar kein Gehör zu finden und werden kaum beteiligt. Dieser Eindruck wird untermauert von Dario Schramm, dem ehemaligen Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz, der u. a. in seinem kürzlich veröffentlichten Buch „Die Vernachlässigten“ die geringe Einbindung und Beteiligung von Schülerinnen und Schülern während der Corona-Zeit bemängelte. Wir sind der Meinung, dass Wissenschaft und Politik dadurch enormes Potenzial vergeben und damit möglicherweise die Distanz zwischen ihnen und den Kindern und Jugendlichen vergrößern. In der Literatur wird dieser Zustand im Zusammenhang mit Wissenschaft und Praxis als „research practice gap“ bezeichnet. Vor diesem Hintergrund könnte man vermuten, dass man Schule an Schülerinnen und Schüler vorbei entwickelt.

Redaktion: Wie wichtig sind deshalb Projekte, wie Ihres, die an der Schnittstelle von Wissenschaft und Praxis operieren, um diese Lücke zu schließen? 

Dr. Melanie Verhovnik-Heinze: Wir haben mit unserem Projekt die großartige Chance, völlig ergebnisoffen und breit gefasst erst einmal alles anzuhören, was Schülerinnen und Schüler zum Thema „Lernen in der Zukunft“ zu sagen haben. Keine Idee ist zu verrückt, jede Frage darf gestellt werden. Wir finden es außerdem sehr wichtig, die Schülerinnen und Schüler mit Forschenden ins Gespräch zu bringen, weil so direkte Kommunikation möglich wird. Die Schülerinnen und Schüler können ihre Fragen, Wünsche und Ideen direkt adressieren und die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben die Möglichkeit, diese von denjenigen zu hören, die am Ende auch betroffen sind. Außerdem sind wir gespannt, welche neuen Impulse sich dadurch auch für uns als Forschende auftun. 

Redaktion: Welche Anregungen für die Wissenschaft könnten das sein?

Verhovnik-Heinze: Wir haben hier die Möglichkeit, auf Fragen, Ideen und Lösungsvorschläge zu stoßen, auf die wir selbst vielleicht nie gekommen wären. Wir hoffen, dass wir daraus Anschlussvorhaben entwickeln, auf jeden Fall aber spannende Impulse setzen können. Zudem probieren wir in „enorM“ auch neue Formate aus, beispielsweise ein Serious Game. Auch hieraus werden wir eine Menge lernen und diese Erkenntnisse für weitere Projekte sowie für die zielgruppenspezifische Kommunikation nutzen können.

„Wer erlebt, dass er oder sie tatsächlich mitbestimmen kann, ergreift diese Gelegenheit vielleicht wieder und engagiert sich, beispielsweise in einer Arbeitsgruppe, bei der Schülerzeitung oder als Klassensprecherin oder Klassensprecher.“

Dr. Juliane Grünkorn

Redaktion: Worin sehen Sie Herausforderungen und Chancen für den Einbezug der Schülersicht und damit letztlich auf dem Weg zu partizipativer(en) Strukturen im Kontext der Schulentwicklung?

Grünkorn: Wer partizipativ an Fragen, Ideen und Lösungen arbeitet, muss sich in seiner jeweiligen Rolle einfinden, das gilt auch für die Schülerinnen und Schüler, die wir in eine Expert/-innenrolle bringen – sie wissen schließlich am besten, woran es im Bildungssystem womöglich hakt und können ihre Erfahrungen unmittelbar weitergeben. Auch die möglicherweise unterschiedlichen Handlungslogiken, Erwartungen an den Prozess und das tatsächliche Mitwirken unter einen Hut zu bringen, kann eine weitere Herausforderung sein. Gleichzeitig sind mit diesen Prozessen große Chancen verbunden, weil die Schülerinnen und Schüler erleben, dass sie unmittelbar Einfluss auf das Geschehen nehmen können. Dies fängt damit an, dass sie ihre Frage oder ihre Idee adressieren können und auch hier völlig frei in der Themenwahl sind. Sie können aber auch die Fragen und Vorschläge der anderen diskutieren, gewichten und sich am Ende einem oder mehreren Themenfeldern intensiver widmen, die sie besonders interessieren. Eigene Schwerpunkte zu setzen und im Dialog mit anderen diese weiterzuentwickeln ist eine Erfahrung, die auch im Schulkontext Impulse setzen kann. Wer erlebt, dass er oder sie tatsächlich mitbestimmen kann, ergreift diese Gelegenheit vielleicht wieder und engagiert sich, beispielsweise in einer Arbeitsgruppe, bei der Schülerzeitung oder als Klassensprecherin oder Klassensprecher. 

Redaktion: Die besten Ideen verbessern die Praxis bekanntlich dann, wenn sie auch umgesetzt werden. Wie verschaffen Sie den Visionen aus Ihrem Projekt nachhaltig Gehör in Politik und Wissenschaft? 

Grünkorn: Dadurch, dass wir mit unserem Projekt in die Dachkampagne des „Wissenschaftsjahrs 2022 – Nachgefragt!“ eingebunden sind, haben wir die Möglichkeit, alle bei uns bis zum 15. April 2022 eingegangenen Fragen der Schülerinnen und Schüler auch an die Politik weiterzugeben. In der Dachkampagne beschäftigen sich außerdem Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Gesellschaft und Wissenschaft in verschiedenen Panels mit den eingereichten Fragen. Auch hierüber haben die Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit, mit ihren Ideen und Vorschlägen gehört zu werden.

Redaktion: Wie genau läuft Ihr Projekt konkret ab? In welcher Form können Wissenschaft und Praxis in Zukunft von Ihrem Erkenntnisgewinn profitieren?

Verhovnik-Heinze: Unser Projekt ist in zwei Phasen geteilt. Bis Ende März 2022 sammeln wir noch Fragen zum Thema „Lernen in der Zukunft“ bei den Schülerinnen und Schülern ein (Mobilisierungsphase). Zum Abschluss der Mobilisierungsphase planen wir ein Schüler/-innen-Camp. Auf diesem Camp werden alle Fragen, die eingereicht wurden, gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern besprochen. Im Camp wollen wir bei den Schülerinnen und Schülern dafür werben, sich als „Fragen-Pat/-innen“ speziellen Fragen oder Themenbereichen zu widmen. In der anschließenden Interaktionsphase werden die „Fragen-Pat/-innen“ dann aktiv und können ihre Frage oder auch ihre Idee mit Expertinnen und Experten diskutieren und beantworten.

Unter anderem planen wir eine Podcast-Reihe, die von den Schülerinnen und Schülern produziert wird und in der wir die Gespräche zwischen den Schülerinnen und Schülern und den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des DIPF aufnehmen. Wir haben außerdem das Format „Book a Question“. Hier können die „Fragen-Pat/-innen“ und auch andere interessierte Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte, Eltern etc. Fragen buchen und sich dazu mit Forschenden austauschen. Geplant sind außerdem ein eintägiger „Hackathon“, bei dem Zukunftsideen zum Lernen entwickelt und diskutiert werden. Auch hier sind interessierte Schülerinnen und Schüler, Eltern und Lehrkräfte eingeladen, mit den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern vom DIPF ins Gespräch zu kommen. Höhepunkt der Interaktionsphase ist unser Serious Game, das wir gemeinsam mit einer erfahrenen Agentur und den Schülerinnen und Schülern entwickeln. Auch in dem Onlinespiel wird es um das Lernen und die Schule in der Zukunft gehen. 

Über Entwicklungen und Erkenntnisse informieren wir fortlaufend über unsere Social Media-Kanäle, evaluieren aber auch den Prozess und werden unseren Erkenntnisgewinn und Erfahrungsschatz dokumentieren und der interessierten Praxis bzw. der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Praxis für die weitere Nutzung zur Verfügung stellen.

Zur Person

Dr. Juliane Grünkorn leitet das Referat Kommunikation des DIPF, das sich u. a. um die interne und externe Kommunikation des Instituts kümmert. Sie beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit Transfer im Bildungsbereich und insbesondere mit partizipativen Ansätzen und Wirkindikatoren. Aktuell verantwortet sie das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte Kommunikationsprojekt „enorM: Lernen von ÜBER(MORGEN) – Wie wollen wir in Zukunft lernen?“.

Zur Person

Dr. Melanie Verhovnik-Heinze ist ausgebildete Journalistin und Kommunikationswissenschaftlerin. Sie arbeitet derzeit mit einem starken Fokus auf dem Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis als Wissenschaftliche Mitarbeiterin des DIPF im Transferprojekt „PrEval – Evaluationsdesigns für Präventionsmaßnahmen“ und als Projektkoordinatorin im BMBF-Kommunikationsprojekt „enorM: Lernen von ÜBER(MORGEN) – Wie wollen wir in Zukunft lernen?“.