Schule neu denken – Wie durchdachte Architektur bessere Lernräume schafft
Flexible Raumkonzepte, Ruhebereiche und eine gezielte Farbgebung können das Verhalten und Wohlbefinden von Schüler:innen fördern. Zwei Expertinnen geben praxisnahe Einblicke.

Moderne Schule – das bedeutet nicht nur innovative Lernmethoden, sondern auch eine Architektur, die diese optimal unterstützt. Doch welche Strategien sind hier wirklich wirkungsvoll? Das Projekt Beratung Pädagogische Architektur des Ministeriums für Schule und Bildung (MSB) NRW und der Unterstützungsarchitektur QUA-LIS NRW gibt hierzu Auskunft. Ute Ködderitzsch als Beraterin Pädagogische Architektur und Vera-Lisa Schneider als zuständige Referatsleiterin im MSB NRW vermitteln praktische Impulse rund um pädagogische Architektur – für kleinschrittige Anpassungen ebenso wie für größere Veränderungen im Schulgebäude.
Redaktion: Frau Ködderitzsch, Frau Schneider, welche Grundprinzipien einer lernförderlichen Schularchitektur sind aus Ihrer Sicht besonders wichtig?
Ute Ködderitzsch: Zentral ist, dass die individuelle Schulsituation differenziert berücksichtigt wird. Die Pädagogik der einzelnen Schule muss mit den räumlichen Gegebenheiten in und außerhalb der Schule zusammenpassen. Das bedeutet, dass die verschiedenen Funktionen der Räume und Funktionsbereiche gut durchdacht und intelligent anzuordnen sind. Was in Schule A lernförderlich wirkt, kann unter Umständen an Schule B wirkungslos bleiben.
QUA-LIS NRW
Die Qualitäts- und UnterstützungsAgentur – Landesinstitut für Schule (QUA-LIS NRW) arbeitet dem für Schule und Bildung zuständigen Ministerium MSB NRW zu und fungiert als zentrale, vom Ministerium beauftragte Einrichtung für pädagogische Dienstleistungen. Ihr Schwerpunkt liegt insbesondere in der Unterstützung der Schulen bei der Erfüllung ihres Bildungs- und Erziehungsauftrags, wobei ein Fokus auf dem Bereich der pädagogischen Architektur liegt.
Redaktion: Wie beeinflusst die räumliche Gestaltung das Erleben der Schüler:innen?
Ködderitzsch: Die räumliche Gestaltung hat maßgeblichen Einfluss auf das Verhalten und das Wohlbefinden der Schüler:innen. Eine sorgfältig geplante Raumstruktur sowie der gezielte Einsatz von Farben, Materialien, Licht, Luftqualität und Raumtemperatur tragen wesentlich zur Schaffung einer positiven Lernatmosphäre bei und können Stress wirksam reduzieren. Rückzugs- und Ruhebereiche sind essenziell, um Reizüberflutung vorzubeugen und Phasen der Regeneration zu ermöglichen – insbesondere im Kontext des Ganztagsbetriebs.
Vera-Lisa Schneider: Im Idealfall ist ein Raum so beschaffen, dass die darin stattfindenden Aktivitäten – wie konzentriertes Arbeiten, Besprechungen, Präsentationen oder Entspannung - durch die räumliche Gestaltung erleichtert werden. Das ist die Grundidee der „pädagogischen“ Architektur.
Redaktion: Welche Rolle spielen Farben, Materialien und Licht in Schulgebäuden? Gibt es bestimmte (Farb-)Konzepte, die nachweislich das Lernen unterstützen?
Ködderitzsch: Farben, Materialien und Licht spielen eine zentrale Rolle in der Gestaltung von Schulgebäuden. Aspekte wie Akustik in offenen Lernlandschaften oder eine angemessene Beleuchtung auf Flurflächen, die im Unterrichtsalltag mitgenutzt werden, verdeutlichen, wie eng räumliche Faktoren mit lernförderlichen Bedingungen verknüpft sind. Auch die gezielte Farbgestaltung und die Wahl geeigneter Materialien können das Lernen positiv beeinflussen und zur Schaffung einer angenehmen, unterstützenden Atmosphäre beitragen.
Schneider: Eine eindeutige Kausalität – etwa im Sinne von „in grünen Räumen lernt man besser als in blauen“ – lässt sich nicht herstellen, da zahlreiche Faktoren wie der räumliche Zuschnitt, die konkrete Nutzung, das Alter der Kinder und weitere Kontextbedingungen eine Rolle spielen. Unbestritten ist jedoch, dass all diese Elemente zusammengenommen das Lernen maßgeblich unterstützen können.
Redaktion: Sie haben die Bedeutung von Ruhebereichen bereits angesprochen. Wie sollten diese gestaltet sein, um Stress und Reizüberflutung wirksam zu reduzieren?
Ködderitzsch: Für Rückzugs- und Ruhebereiche gibt es eine Vielzahl gestalterischer Möglichkeiten – von klar abgegrenzten Räumen wie Snoezelen (ein multisensorischer Entspannungsraum mit beruhigenden Reizen wie Licht, Musik und Duft), Meditations- oder Ruheräumen bis hin zu optisch getrennten Zonen durch leichte Vorhänge, mobile Trennwände oder Raumteiler. Auch das Mobiliar selbst kann Rückzugsorte schaffen: Sofas mit hohen Rückenlehnen, kleine Zelte im Grundschulbereich oder kreative Lösungen wie eine ausrangierte Liftgondel, ein Fassadenelement, ein alter Bus oder eine Nische unter der Treppe bieten Potenzial für stille Rückzugsorte. Wesentlich ist dabei eine Atmosphäre der Ruhe und Geborgenheit – unterstützt durch beruhigende Farbgestaltung, weiche Materialien und gedämpftes Licht. Solche Bereiche sollten bewusst abseits von lauten und stark frequentierten Zonen platziert werden, um echte Erholung zu ermöglichen.
Auch in den Klassenräumen – und idealerweise im gesamten Schulgebäude – kann ein reduziertes, einheitliches Farbkonzept helfen, Reizüberflutung zu vermeiden und Konzentration zu fördern. Wie immer gilt: Die konkrete Umsetzung muss sich an der individuellen Schulsituation orientieren, damit Räume sinnvoll und bedarfsgerecht angeordnet werden können.
Redaktion: Studien legen nahe, dass Bewegung das Lernen verbessert. Wie können Schulräume und Pausenhöfe gestaltet werden, um Bewegungsmöglichkeiten anzubieten und aktives Lernen zu fördern?
Ködderitzsch: Schulräume lassen sich durch gezielte Möblierung so gestalten, dass sie Bewegungsmöglichkeiten eröffnen und aktives Lernen fördern. In diesem Bereich hat sich das Angebot in den letzten Jahren deutlich weiterentwickelt. Wenn beispielsweise eine Instruktionsphase in einem Teil des Klassenraums, eines Clusters oder der Lernlandschaft stattfindet und die anschließende Bearbeitung an einem anderen Ort erfolgt, entsteht bereits eine kleine, aber bedeutsame aktive Lernphase. Auch bauliche Elemente wie (Sitz-)Treppen können didaktisch sinnvoll genutzt werden, zum Beispiel im Mathematikunterricht. Auf einzelnen Stufen lassen sich Zahlen, Rechenaufgaben oder Ergebnisse des Einmaleins anbringen, sodass Schülerinnen und Schüler aktiv und spielerisch Multiplikation und Division erleben.
Bewegungsangebote und die Integration freizeitpädagogischer Elemente in Schulräume sind essenziell – und zwar keineswegs nur im Primarbereich. Werden bei der Gestaltung von Pausenflächen die unterschiedlichen Bedürfnisse und Aktivitäten der jeweiligen Schulgemeinschaft berücksichtigt und sinnvoll zoniert, kann dies das schulische Miteinander deutlich fördern. Aus meiner Sicht lohnt sich zudem der Blick über den Pausenhof hinaus: Die Einbindung des umliegenden Quartiers kann das schulische Angebot gezielt ergänzen und erweitern.
Redaktion: Welche Schulbauprojekte dienen Ihnen als Vorbild für zukunftsweisende Lernumgebungen? Und warum?
Ködderitzsch: Mich hat unter anderem die Alemannenschule in Wutöschingen beeindruckt. Dort gibt es keine festen Klassenzimmer, sondern Lernateliers, die individuelles und selbstorganisiertes Lernen ermöglichen. Die Lehrkräfte verstehen sich als Lernbegleiter und unterstützen die Schülerinnen und Schüler individuell. So entsteht eine Lernumgebung und ein Konzept, das das einzelne Kind in den Mittelpunkt stellt. Darüber hinaus inspirieren mich die Offene Schule Köln (OSK) und die Gebrüder-Grimm-Schule in Hamm. Beide Schulen haben durch partizipative Prozesse eine Schulgemeinde geschaffen, die sich auf ein gemeinsames Bildungsverständnis und den dazugehörigen Raum verständigt hat. An diesen Standorten konnte ich zudem einen sehr wertschätzenden Umgang aller Beteiligten erleben. Ein weiteres Beispiel ist der BOB-Campus in Wuppertal, der als innovatives und zugleich kostengünstiges Schulbauprojekt hervortritt.
Schneider: Weitere aktuelle und vorbildliche Beispiele lassen sich in den Veröffentlichungen zum Schulbaupreis NRW finden, einer Auszeichnung für herausragende Schulbauten in Nordrhein-Westfalen, initiiert vom Ministerium für Schule und Bildung NRW sowie der Architektenkammer NRW.
Redaktion: Wie lassen sich Nachhaltigkeit und pädagogische Architektur sinnvoll verbinden?
Ködderitzsch: Ein wesentlicher Ansatzpunkt ist ein integriertes Nutzungskonzept, das die Räume und Flächen der Schule – und gegebenenfalls des angrenzenden Quartiers – über den gesamten Tag hinweg sinnvoll nutzt. Dabei sollte vermieden werden, vermeintliche Mehrbedarfe, wie etwa durch den Ganztagsbetrieb, durch zusätzliche, nur nachmittags genutzte Räume zu schaffen. Vielmehr ist die multifunktionale Nutzung der vorhandenen Räume anzustreben. Darüber hinaus zählt der Einsatz umweltfreundlicher Materialien und energieeffizienter Konzepte zu den zentralen Elementen moderner Schulbauprojekte.
Schneider: Gute zertifizierte Beispiele zu BNB- Standards sowie ganz viel Information und Inspiration in Bezug auf Nachhaltigkeit finden sich auch auf den Seiten des Netzwerks Nachhaltige Unterrichtsgebäude.
Redaktion: Welche einfachen Veränderungen können Lehrkräfte vornehmen, um ihre Klassenräume lernfreundlicher zu gestalten?
Ködderitzsch: Auch kleinere, einfache Veränderungen – wie etwa die Umgestaltung der Möbelanordnung – können von Lehrkräften initiiert werden und so eine passendere sowie flexiblere Lernsituation für die jeweilige Lerngruppe schaffen. Die Organisation von Jacken, Schultaschen und Ähnlichem außerhalb des Klassenraums kann das Ankommen in der Schule bewusster gestalten und zugleich für mehr optische Ruhe im Klassenzimmer sorgen; dadurch entsteht möglicherweise sogar Raum für Pflanzen.
Solche kleinen Veränderungen erfordern oft einen geringeren Aufwand und ermöglichen somit die Erprobung verschiedener Ideen. Durch entsprechende Partizipation und Evaluation können sie den Ausgangspunkt für größere Veränderungen innerhalb der gesamten Schulgemeinschaft bilden.
Redaktion: Welche Veränderungen sollten Schulleitungen bei der Schulgestaltung priorisieren, um eine bessere Lernumgebung zu schaffen?
Ködderitzsch: Schulleitungen sollten prioritär strukturelle Veränderungen angehen, die flexible Raumkonzepte und eine integrative Nutzung der Schulflächen ermöglichen.
Schneider: Die gemeinsame Nutzung des Schulgebäudes durch Schule und Ganztag – im Gegensatz zur additiven Nutzung – schafft mehr Fläche und bessere Nutzungsmöglichkeiten für alle. Dies muss jedoch vorrangig von der Schulleitung geplant und strukturiert werden.
Ködderitzsch: Besonders wichtig sind dabei partizipative Prozesse, in denen alle relevanten Akteure gemeinsam die bestmöglichen Lösungen erarbeiten. Dies umfasst nicht nur die Mitglieder der Schulgemeinschaft, sondern ebenso die Schulträger sowie weitere Beteiligte, die für die Anbindung der Schule an das Quartier von Bedeutung sind.
Redaktion: Frau Schneider, Frau Ködderitzsch, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Zur Person
Vera Lisa Schneider ist gelernte Architektin und Bauassessorin und leitet im MSB das Referat für Bau- - und Liegenschaftsangelegenheiten. Projekte, Themen und Veranstaltungen rund um Pädagogische Architektur gehören dabei seit Jahren zu ihren Schwerpunkten.

Zur Person
Ute Ködderitzsch ist Lehrerin an einem Bielefelder Gymnasium. Sie ist ausgebildete Schulentwicklungsberaterin (SEB) und arbeitet seit 2023 im Projekt Beratung Pädagogische Architektur.





