Sensibilität: „Manche Kinder brauchen weniger Gruppenarbeit und mehr Rückzug.“
Wie Lehrkräfte hochsensible Kinder erkennen, welche typischen Missverständnisse es gibt und welche Rahmenbedingungen diese Schülerinnen und Schüler besonders stärken

Hochsensible Kinder nehmen ihre Umwelt intensiver wahr, reagieren empfindlicher auf Reize und brauchen oft mehr Rückzug als andere. Im Gespräch erklärt Prof. Dr. Michael Pluess, wie Lehrkräfte hochsensible Schüler:innen erkennen, worauf sie achten sollten und wie besonders sensible Kinder in der Schule ihr Potenzial am besten entfalten.
Redaktion: Wie können Lehrkräfte hochsensible Kinder erkennen?
Prof. Dr. Michael Pluess: Das ist gar nicht so einfach. Hochsensible Kinder verhalten sich im schulischen Kontext oft anders als zu Hause. In der Schule wollen sie dazugehören – deshalb versuchen sie vielleicht, den Lärm oder das Chaos auszuhalten, obwohl es ihnen eigentlich zu viel ist. Sie möchten mitmachen. Daher ist es manchmal schwierig, ihre Hochsensibilität im Schulalltag zu erkennen.
„Es gibt Orchideen-, Tulpen- und Löwenzahnkinder.“
Prof. Dr. Michael Pluess
Wenn ein Kind Schwierigkeiten zeigt, lässt sich die Hochsensibilität eventuell eher feststellen. Hochsensible Kinder erkennen Emotionen anderer Menschen oft sehr schnell, werden davon stärker beeinflusst, reagieren empfindlicher auf Bestrafung oder Kritik durch Lehrpersonen und empfinden Konflikte oder Kritik – auch zwischen und an anderen – als sehr belastend. Viele haben einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und nehmen ihre Umgebung intensiver wahr. Das bedeutet auch, dass sie möglicherweise nicht sofort aufzeigen, wenn eine Frage gestellt wird – aber wenn sie sich zu Wort melden, haben sie oft sehr durchdachte Beiträge.
Hochsensibilität
Bis zu 30 Prozent aller Kinder gelten als hochsensibel. Hochsensibilität ist ein natürliches, genetisch bedingtes Temperamentsmerkmal, keine klinische Diagnose oder Störung. Hochsensible Kinder erleben die Welt besonders intensiv. Sie können in der Schule, in kreativen Bereichen und im sozialen Miteinander sehr erfolgreich sein, gedeihen aber besonders in ruhigen, strukturierten Umgebungen. Veränderungen oder unerwartete Ereignisse können sie schnell überfordern.
Generell sind etwa 47 % der Sensibilität genetisch bedingt, die restlichen 53 % entstehen durch Umwelteinflüsse. Kinder mit einer genetischen Veranlagung für Sensibilität reagieren besonders stark auf ihr Umfeld.
Redaktion: Sind hochsensible Kinder eher still oder eher verhaltensauffällig?
Pluess: Das kann man so nicht sagen. Manche sind introvertiert, andere extrovertiert. Schwierigkeiten im Verhalten sind nicht automatisch Ausdruck von Hochsensibilität. Aber in einem unterstützenden Umfeld entwickeln sich hochsensible Kinder oft besonders gut, das zeigen mehrere Studien. Ich nenne sie deshalb gerne „Orchideenkinder“, während die normal sensiblen Kinder „Tulpen“ und die robusten „Löwenzahnkinder“ sind.
Redaktion: Wie kann ich als Lehrkraft gemeinsam mit den Eltern im Gespräch herausfinden, ob die Schwierigkeiten eines Kindes durch eine Sensibilität bedingt sind?
Pluess: Es kann sein, dass sich ein Kind in der Schule völlig unauffällig verhält, aber Eltern berichten, dass es zu Hause zwei Stunden braucht, um sich zu erholen. Das kann ein deutlicher Hinweis auf Hochsensibilität sein. Es zeigt, dass das Kind sich selbst regulieren kann, indem es Rückzug sucht. Hochsensible Kinder werden in der Schule oft überstimuliert – besonders wenn es laut, wild und wenig strukturiert zugeht. Das hängt natürlich auch von der Lehrperson und der Zusammensetzung der Klasse ab.
Redaktion: Wie kann man sein Unterrichtskonzept für hochsensible Kinder, von denen es ja in jeder Klasse einige gibt, anpassen?
Pluess: Wichtig sind klare Strukturen und gleichzeitig ein gewisser Grad an Autonomie – etwa bei der Wahl von Arbeitsform und -ort. Gruppenarbeit ist sind nicht für jedes Kind ideal. Gut bewährt haben sich Klassenzimmer mit Rückzugsorten, in denen Kinder in Ruhe selbstständig arbeiten können. Hochsensible Kinder profitieren davon, wenn sie selbst entscheiden können, wo und wie sie arbeiten möchten.
Redaktion: Welche Missverständnisse treten im Kollegium häufig auf?
Pluess: Viele Lehrpersonen wissen, dass Kinder unterschiedlich sind. Hochsensibilität ist keine Diagnose und kein Problem, das „behandelt“ werden muss, es ist eine Temperamentseigenschaft. Sensible Kinder reagieren oft stärker auf Kritik und profitieren besonders stark von einer wertschätzenden Lehrer-Schüler-Beziehung. Wir bieten auf unserer Webseite einen kurzen Online-Fragebogen an, der Lehrpersonen hilft einzuschätzen, ob ein Kind hochsensibel sein könnte.
Redaktion: Was sind typische Missverständnisse in Bezug auf Hochsensibilität?
Pluess: Manche verwechseln Hochsensibilität mit Autismus, andere mit Hochbegabung oder gar übersinnlichen Fähigkeiten. Keines davon ist korrekt. Hochsensibilität ist eine normale Temperamentseigenschaft, ähnlich wie Intro- oder Extraversion. Manche Kinder nehmen mehr Reize auf, verarbeiten sie tiefer, das bringt Vor- und Nachteile.
Redaktion: Wie reagieren hochsensible Kinder auf Lob?
Pluess: Sie sprechen meist sehr gut auf positives Feedback an. Manche Kinder denken aber lange darüber nach – das kann in Einzelfällen auch zu Druck führen, besonders bei sehr gewissenhaften Kindern. Es gibt allerdings keinen klaren Zusammenhang zwischen Hochsensibilität und Gewissenhaftigkeit. Viele hochsensible Kinder haben einfach Freude daran, wenn etwas „schön“ oder „gut“ gelungen ist. Sie investieren gerne, weil es ihnen wichtig ist.
Redaktion: Was ist bei der Nachmittagsbetreuung von hochsensiblen Kindern zu beachten?
Pluess: Rückzugsmöglichkeiten und Wahlfreiheit sind zentral. Hochsensible Kinder müssen nicht unbedingt allein sein, aber sie sollten die Möglichkeit haben, sich abzugrenzen, wenn sie merken, dass sie Ruhe brauchen. Idealerweise lernen sie, diese Bedürfnisse selbst zu erkennen, das hilft ihnen auch später im Leben. Hochsensibilität ist eine Stärke, aber man muss lernen, damit umzugehen.
Redaktion: Wie kann eine solche Rückzugsstruktur aussehen?
Pluess: Mein Bruder ist Grundschullehrer in der Schweiz. In seinem Klassenzimmer gibt es einen Nebenraum mit Sofas, in den sich Kinder zurückziehen können. Natürlich ist das ein Luxus, aber auch in normalen Klassenräumen lassen sich kreative Lösungen verwirklichen , wenn man sich als Lehrkraft bewusst ist, dass manche Kinder einfach früher überstimuliert sind. Überstimulation kann sich unterschiedlich zeigen: Manche Kinder werden still, andere auffällig. Es hilft, sich die Ursachen bewusst zu machen. Lautstärke ist eine davon.
Redaktion: Gibt es Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen?
Pluess: Genetisch gesehen nicht. Aber im Verhalten sehen wir kleine Unterschiede: Mädchen schätzen sich meist sensibler ein. Vermutlich liegt das an sozialen Normen, bestimmte Verhaltensweisen sind bei Mädchen akzeptierter. Jungen neigen eher dazu, ihre Sensibilität zu verstecken, obwohl sie genauso intensiv erleben.
Redaktion: Wie können hochsensible Kinder Resilienz entwickeln?
Pluess: Hochsensible Kinder sind oft stärker von Stress betroffen, können aber auch besonders gut auf psychologische Interventionen reagieren. In einer Londoner Studie hat ein Resilienz-Programm besonders bei hochsensiblen Kindern gewirkt. Sie haben die Strategien aufgenommen und umgesetzt. Entscheidend ist, dass sie Unterstützung bekommen, zum Beispiel durch Gespräche mit Eltern oder Lehrpersonen über schwierige Situationen und mögliche Strategien.
Studie zur schulbasierten resilienzfördernden Intervention bei Schulkindern
In der Studie untersuchte Michael Pluess mit einem Team der University of East London die Wirksamkeit des schulbasierten SPARK Resilience Programms bei Kindern im Alter von 11 bis 12 Jahren. Das Programm wurde speziell für Schülerinnen und Schüler aus sozial benachteiligten Stadtteilen entwickelt und zielte darauf ab, deren Resilienz zu stärken und das Risiko für depressive Symptome zu verringern. Insgesamt nahmen 418 Kinder an der Untersuchung teil. Das SPARK-Programm umfasste zwölf einstündige Sitzungen, die von geschulten Lehrkräften über einen Zeitraum von drei bis vier Monaten durchgeführt wurden. Die Teilnehmenden wurden mit einer Kontrollgruppe verglichen, die kein spezielles Resilienztraining erhielt. Die Ergebnisse zeigten, dass die Kinder, die am SPARK-Programm teilnahmen, nach Abschluss der Intervention eine signifikant höhere Resilienz aufwiesen als die Kontrollgruppe. Auch depressive Symptome konnten zunächst verringert werden, allerdings war dieser Effekt nach zwölf Monaten nicht mehr signifikant nachweisbar, während die erhöhte Resilienz weiterhin bestehen blieb. Besonders interessant ist, dass die Studie darauf hinweist, dass hochsensible Kinder, also solche, die besonders empfänglich für Umwelteinflüsse sind, besonders stark von der Intervention profitieren könnten.
Das SPARK Resilience Programm basiert auf Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie und der positiven Psychologie. Die zwölf Sitzungen sind thematisch aufeinander aufgebaut und vermitteln den Kindern verschiedene Strategien zur Bewältigung von Stress und schwierigen Situationen. Zu den Inhalten gehören das Erkennen und Verstehen eigener Gefühle, der Umgang mit negativen Gedanken, das Entwickeln von Problemlösestrategien sowie der Aufbau von Optimismus und Selbstwirksamkeit. Die Kinder lernen, wie sie auf Herausforderungen flexibel und konstruktiv reagieren können, und üben dies anhand von Rollenspielen, Gruppendiskussionen und praktischen Übungen. Ein besonderer Fokus liegt darauf, die eigenen Stärken zu erkennen und soziale Unterstützung zu nutzen.
Redaktion: Wie steht Hochsensibilität im Verhältnis zu Neurodivergenz?
Pluess: Wir wissen bisher wenig über die Verbindung zu Autismus und ADHS. Es handelt sich um unterschiedliche Konzepte. Ein Kind kann sowohl hochsensibel als auch autistisch sein oder nur eines von beiden.
Redaktion: Welche weiterführenden Informationsquellen empfehlen Sie für Lehrkräfte und Schulleitungen?
Pluess: Unsere Webseite bietet ein fundiertes Online-Modul und einen Fragebogen für Lehrkräfte. In Zukunft wollen wir auch professionelle Einzelassessments anbieten, besonders wenn es zu Problemen kommt, etwa aggressivem Verhalten. Wichtig ist: Hochsensibilität ist weder besser noch schlechter. Sie ist einfach eine von vielen Varianten kindlicher Entwicklung. Und Vielfalt in der Wahrnehmung tut einer Gesellschaft gut.
Redaktion: Herr Professor Pluess, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Zur Person
Michael Pluess ist Professor für Entwicklungspsychologie an der University of Surrey in Großbritannien. Er wuchs in der Schweiz auf. Seine Forschung konzentriert sich auf individuelle Unterschiede in der Sensitivität gegenüber Umweltfaktoren sowie auf positive Entwicklung und psychische Gesundheit, insbesondere bei Kindern.





