So gelingt Inklusion in der Sekundarstufe

Die große INSIDE-Studie zeigt, wovon erfolgreiche Inklusion wirklich abhängt.

Wie gelingt Inklusion an weiterführenden Schulen in Deutschland? Die bisher umfangreichste Langzeitstudie INSIDE (Inklusion in der Sekundarstufe I in Deutschland), koordiniert vom Leibniz-Institut für Bildungsverläufe (LIfBi), liefert nach fünf Jahren Laufzeit detaillierte Antworten.

Die Umsetzung von Inklusion stellt Schulen vor große Herausforderungen. Die INSIDE-Studie hat, basierend auf Daten von rund 4.000 Schülerinnen und Schülern an 246 Schulen, untersucht, welche Faktoren den Lernerfolg und die soziale Teilhabe von Schülerinnen und Schülern mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf (SPF) in der Sekundarstufe I beeinflussen. Die Ergebnisse liefern wichtige, evidenzbasierte Impulse für die Schulentwicklung.

INSIDE-Studie

Die Studie INSIDE (Inklusion in der Sekundarstufe I in Deutschland) liefert die bisher umfangreichste Datengrundlage zur Umsetzung von Inklusion an weiterführenden Schulen in Deutschland. Es handelt sich um eine Längsschnittstudie, die von 2019 bis 2024 lief. Bundesweit wurden an 246 Schulen der Sekundarstufe I Daten von rund 4.000 Schülerinnen und Schülern sowie deren Lehrkräften erhoben. Die Koordination des Forschungsprojekts lag beim Leibniz-Institut für Bildungsverläufe (LIfBi) in Bamberg. Weitere Partner im Forschungskonsortium waren das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) beziehungsweise die Humboldt-Universität zu Berlin, die Bergische Universität Wuppertal und die Universität Potsdam.

Zentrale Erkenntnisse der INSIDE-Studie

Die Studie identifiziert mehrere Schlüsselfaktoren für das Gelingen von Inklusion:

  • Kooperation im Team ist entscheidend: Erfolgreiche Inklusion steht und fällt mit der ko-konstruktiven Zusammenarbeit von Regel- und Sonderpädagoginnen und -pädagogen. Eine gute Vorbereitung der Lehrkräfte, eine hohe Selbstwirksamkeitserwartung und eine wertschätzende Atmosphäre im Team wirken sich positiv aus.
  • Digitale Medien und Selbstwirksamkeit: Ob Lehrkräfte digitale Medien zur Differenzierung im inklusiven Unterricht nutzen, hängt stark von ihrer Selbstwirksamkeit ab. Lehrkräfte, die sich im Umgang mit digitalen Werkzeugen kompetent fühlen, setzen diese häufiger und zielführender ein, um individuelle Lernprozesse zu unterstützen.
  • Inklusion stärkt die demokratische Schulkultur: Schulen mit etablierten inklusiven Team- und Unterrichtsstrukturen weisen eine stärkere demokratische Schulkultur auf. Dies zeigt sich in einer höheren Partizipation und einer positiveren Wahrnehmung demokratischer Prozesse durch die Schulgemeinschaft.
  • Soziale Teilhabe bleibt eine Herausforderung: Schülerinnen und Schüler mit SPF fühlen sich im Durchschnitt weniger zugehörig zur Klassengemeinschaft als ihre Mitschülerinnen und Mitschüler ohne SPF. Besonders ausgeprägt ist dies bei Schülerinnen und Schülern mit dem Förderschwerpunkt „emotionale und soziale Entwicklung“. Wertschätzende Beziehungen zu den Lehrkräften können diesen negativen Trend jedoch abmildern.
  • Individualisierter Unterricht fördert Teilhabe: Eine differenzierte Unterrichtsgestaltung, die auf individuelle Bedürfnisse eingeht, wirkt sich positiv auf die soziale Integration und Partizipation von Schülerinnen und Schülern mit SPF aus.
  • Elternnetzwerke als Ressource: Stabile Kontakte und Netzwerke zwischen den Eltern einer Klasse können den Schulerfolg von Kindern mit SPF positiv beeinflussen, insbesondere wenn diese Kinder in der Klasse in der Minderheit sind.

Praktische Implikationen für Schulleitungen und Lehrkräfte

Aus den Ergebnissen der INSIDE-Studie lassen sich konkrete Ansatzpunkte für die Praxis ableiten:

  1. Teamarbeit professionalisieren und strukturell verankern: Für eine gelingende Inklusion empfiehlt es sich, feste, wöchentliche Kooperationszeiten für multiprofessionelle Teams (Regel-, Sonderpädagoginnen und pädagogen, Schulsozialarbeit etc.) im Stundenplan verbindlich festzulegen. Diese Zeiten bieten Raum für gemeinsame Unterrichtsplanung, Fallbesprechungen zu einzelnen Schülerinnen und Schülern und klare Absprachen über Zuständigkeiten und Rollen. Gemeinsame Dokumentationsstandards (etwa für Förderpläne) können die Zusammenarbeit zusätzlich erleichtern. Eine geförderte Teamkultur, in der Expertise geteilt und gegenseitige Unterstützung selbstverständlich ist (etwa durch kollegiale Hospitationen oder gemeinsame Fortbildungen), bildet die Basis.
  2. Digitale Selbstwirksamkeit stärken: Da die Selbstwirksamkeit der Lehrkräfte entscheidend für den Einsatz digitaler Medien zur Differenzierung ist, sollten Schulen praxisnahe Fortbildungen anbieten. Der Fokus liegt dabei idealerweise auf dem konkreten Einsatz von Tools zur Individualisierung im inklusiven Unterricht (zum Beispiel adaptive Lernplattformen). Kollegialer Austausch und Hospitationen ermöglichen es Lehrkräften, voneinander zu lernen ("Micro-Fortbildungen" im Team). Eine funktionierende digitale Infrastruktur und verlässlicher technischer Support sind grundlegend, um die Nutzung zu vereinfachen und Frustration zu vermeiden. Das Engagement von Lehrkräften, die digitale Werkzeuge innovativ einsetzen, sollte anerkannt werden.
  3. Soziale Teilhabe aktiv fördern: Lehrkräfte können der Gefahr, dass Schülerinnen und Schüler mit SPF sich weniger zugehörig fühlen, proaktiv gegensteuern. Der Aufbau starker, wertschätzender Beziehungen zu allen Schülerinnen und Schülern, insbesondere zu jenen mit sozial-emotionalen Herausforderungen, ist fundamental. Differenzierte Unterrichtsmethoden sollten nicht nur individualisieren, sondern auch kooperative Lernformen und soziale Interaktion in heterogenen Gruppen ermöglichen (etwa Peer-Tutoring, Gruppenprojekte). Eine gezielte Beobachtung der sozialen Dynamik in der Klasse erlaubt frühzeitiges Intervenieren bei Anzeichen von Ausgrenzung. Die Thematisierung von Vielfalt und Unterschiedlichkeit als Normalität und Stärke im Klassenrat oder in speziellen Unterrichtseinheiten fördert ein inklusives Klima.
  4. Elternnetzwerke aktiv fördern: Da stabile Elternkontakte den Schulerfolg von Kindern mit SPF positiv beeinflussen können, sollten Schulen diese Netzwerke gezielt unterstützen. Das kann geschehen, indem sie Räume für Elterntreffen zur Verfügung stellen, den Austausch zwischen Eltern (zum Beispiel über Elternabende hinaus) aktiv anregen oder Elternvertreterinnen und -vertreter stärker in schulische Gremien einbinden, um deren Perspektive zu nutzen.
  5. Demokratische Teilhabe als Inklusionsmotor nutzen: Der positive Zusammenhang zwischen Inklusion und demokratischer Schulkultur legt nahe, partizipative Strukturen an der Schule gezielt auszubauen. Schulen können dies stärken, indem beispielsweise die Rolle von Klassenräten und Schülervertretungen aufgewertet, projektbasiertes Lernen mit hoher Schülerbeteiligung gefördert oder Schülerinnen und Schüler aktiv in Schulentwicklungsprozesse (zum Beispiel Gestaltung des Schulhofs, Entwicklung von Schulregeln) einbezogen werden. 

Fazit

Die INSIDE-Studie liefert eine fundierte empirische Basis für die Weiterentwicklung der Inklusion in Deutschland. Sie zeigt, dass Inklusion weit mehr ist als die gemeinsame Beschulung. Sie gelingt dort, wo professionelle Kooperation, eine positive Haltung, digitale Kompetenz der Lehrkräfte und ein bewusster Fokus auf soziale Teilhabe und demokratische Prozesse zusammenkommen.