Soziale Isolation durchbrechen: die positiven Wirkungen von Telepräsenzrobotern im Klassenzimmer

Digitale Avatare eröffnen neue Wege der Teilhabe für erkrankte Schülerinnen und Schüler und ermöglichen Schulen Inklusion neu zu denken

Telepräsenzroboter verändern die Schulrealität für eine wachsende Zahl von langzeiterkrankten Schülerinnen und Schülern. Diese oft auch Avatare genannten Geräte bauen den betroffenen Kindern wichtige Brücken – zum Lernstoff, zu Freunden, zum Schulalltag. Eine Übersicht über wissenschaftliche Erkenntnisse zum praktischen Einsatz der neuen Technologie.

In Deutschland sind etwa 16 Prozent der Kinder und Jugendlichen (0-17 Jahre) von einer chronischen Erkrankung betroffen, das sind rund 2,2 Millionen Minderjährige. Darunter fallen sowohl somatische Krankheiten wie Neurodermitis, Asthma und Diabetes Typ 1 als auch psychische Auffälligkeiten wie Angststörungen und Depressionen. Trotz dieser Herausforderungen unterliegen langzeiterkrankte Kinder und Jugendliche weiterhin der Schulpflicht, was flexible und angepasste Bildungsangebote unerlässlich macht.

Wie funktioniert ein Telepräsenzroboter?

Telepräsenzroboter sind mobile, über eine App gesteuerte Stellvertreter, die Kindern mit Langzeiterkrankungen die Anwesenheit im Klassenzimmer ermöglichen. Das Kind steuert den Avatar selbst und kann dessen Kopf um 360 Grad drehen, um dem Unterricht aktiv zu folgen. Das entscheidende Designmerkmal ist, dass der Videostream eine Einbahnstraße ist: Die Klasse sieht den Roboter, aber nicht das Kind. Das schützt die Privatsphäre und reduziert den Druck, sich in einer vulnerablen Phase zeigen zu müssen. Über Mikrofon und Lautsprecher kann das Kind am Unterrichtsgespräch teilnehmen. Spezielle Funktionen fördern die soziale Interaktion und berücksichtigen schwankende Energielevel: Ein „Flüstermodus“ erlaubt diskrete Gespräche mit Tischnachbarn, während Lichter am Roboter Stimmungen oder Wortmeldungen signalisieren. Ein „Passiv-Modus“ ermöglicht es dem Kind, nur zuzuhören, ohne zur aktiven Teilnahme verpflichtet zu sein. Das Design zielt somit darauf ab, Freiheit und Autonomie des nutzenden Kindes zu maximieren und so ein flexibles, selbstbestimmtes Teilhabe-Angebot zu schaffen.

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Ein Interview mit Prof. Dr. Jochen Lange über die Potenziale und Herausforderungen von Telepräsenzavataren im Schulalltag

Weniger soziale Isolation, mehr Zugehörigkeitsgefühl

Der vielleicht bedeutendste Nutzen des Avatars liegt in seiner Fähigkeit, die soziale Isolation zu durchbrechen, die oft als die größte Belastung einer Langzeiterkrankung empfunden wird. Studien bestätigen, dass Telepräsenzroboter das Gefühl der Einsamkeit reduzieren und die soziale Interaktion mit der Klasse fördern. So ergab eine Studie von Weibel et al. (2020) aus Dänemark mit krebskranken Kindern, dass die Roboter die „sozialen Interaktionsprozesse mit Klassenkameraden“ erleichterten und das „Gefühl von Einsamkeit und Bildungsrückstand“ verringerten. Der Avatar ermöglicht nicht nur die Teilnahme am Unterricht, sondern auch an den informellen sozialen Momenten des Schulalltags – dem Gespräch in der
Pause, der Gruppenarbeit oder dem gemeinsamen Lachen über einen Witz. 

Wissenschaftliche Untersuchungen heben die fundamentale Bedeutung des „Zugehörigkeitsgefühls“ (sense of belonging) für das psychische Wohlbefinden und die Identitätsbildung von Heranwachsenden hervor. Eine österreichische Studie aus dem Jahr 2024 untersuchte dies mit einem quantitativen Prä-Post-Test-Design über sechs Monate. Die Ergebnisse zeigten, dass der Roboter einen entscheidenden stabilisierenden Effekt hatte: Während bei einer langen Abwesenheit ein Rückgang des Zugehörigkeitsgefühls und der Lebensqualität zu erwarten wäre, blieben diese Werte bei den 29 teilnehmenden Patient:innen stabil.

Erfahrungsberichte zeigen, dass Mitschülerinnen und Mitschüler den Roboter schnell als Stellvertreter des abwesenden Kindes akzeptieren und ihn wie selbstverständlich in ihre Aktivitäten einbeziehen Der Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Jochen Lange, der den Einsatz in deutschen Klassenzimmern untersucht, beschreibt im Interview mit dem Online-Magazin schulmanagement, wie Mitschüler:innen den Roboter direkt ansprechen und sogar um Erlaubnis fragen, bevor sie ihn bewegen: „Darf ich dich gerade noch einmal hochnehmen?“. Diese Personifizierung zeigt, dass der Roboter nicht als bloßes Gerät, sondern als echter Stellvertreter wahrgenommen wird. Berichte aus dem Universitätsklinikum Leipzig bestätigen, dass der Avatar zu einem „Teil des Klassenkollektivs“ wird, der von Mitschüler:innen zum Beispiel liebevoll mit Wimpern beklebt wird. Damit wird der Avatar zu einem wichtigen Werkzeug, um die soziale Identität des Kindes als Schüler:in und Freund:in aufrechtzuerhalten, die sonst durch die Krankheit bedroht wäre.

Akademische Kontinuität und erleichterte Re-Integration

Neben den sozialen Vorteilen sichert der Avatar auch die akademische Kontinuität. Im Gegensatz zum Haus- oder Krankenhausunterricht, der oft auf wenige Stunden pro Woche und die Kernfächer beschränkt ist, ermöglicht der Avatar die Teilnahme am gesamten Unterrichtspensum der Klasse. Dadurch wird verhindert, dass Schülerinnen und Schüler den Anschluss an den Lernstoff verlieren. Eine australische Studie von Powell et al. (2021) zur Initiative TRECA (Telepresence Robots to Engage CAncer patients in education), die auf qualitativen Interviews mit allen Beteiligten basierte, kam zu dem Schluss, dass der Einsatz von Robotern „in hohem Maße akzeptabel war und die Verbindung zu Gleichaltrigen und zur akademischen Welt erleichterte“.  

Die australische Studie fand zudem heraus, dass der regelmäßige Kontakt die „Befürchtungen bezüglich der Rückkehr“ in den Klassenverband reduzieren kann. Die Angst vor der Re-Integration speist sich oft weniger aus Sorge vor Wissenslücken als vielmehr aus der Furcht, sozial den Anschluss verloren zu haben. Indem der Avatar die Schüler:innen im sozialen Gefüge der Klasse hält, erhält er die soziale Kompetenz und das Gefühl der Vertrautheit. Das beschreibt auch eine US-Studie von Soares et al. (2017), die die Technologie als fundamental für die „Erleichterung von Übergängen zwischen Abwesenheit und Anwesenheit“ bezeichnete.

Förderung von Autonomie und psychischem Wohlbefinden

Die Technologie stärkt auch die psychische Resilienz der betroffenen Kinder. Die Möglichkeit, die Intensität der Teilnahme selbst zu steuern – von der aktiven Wortmeldung bis zum stillen Zuhören im Passiv-Modus – fördert das Gefühl von Autonomie und Selbstwirksamkeit. Dies ist in einer Lebensphase, die oft von Fremdbestimmung durch medizinische Behandlungen geprägt ist, von unschätzbarem Wert. Wegweisende Forschung zu diesem Thema von Veronica Newhart und Judith Olson von der University of California stützt sich auf die Selbstbestimmungstheorie von Ryan und Deci, die Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit als psychologische Grundbedürfnisse des Menschen definiert. Ihre Ergebnisse zeigen, dass Schüler:innen durch den Roboter ein Gefühl von „Autonomie, Wohlbefinden und Kompetenz“ erlebten.  

Diese wiedererlangte Kontrolle kann als direktes Gegenmittel zur erlernten Hilflosigkeit wirken, die aus einer chronischen Krankheit resultieren kann. Ein eindrücklicher Fall aus der Forschung von Newhart und Olson beschreibt einen Jungen mit einer Herzerkrankung, dessen Antriebslosigkeit fälschlicherweise seiner Krankheit zugeschrieben wurde. Es handelte sich jedoch um eine Depression, die sich auflöste, sobald er begann, über den Roboter täglich sechs bis sieben Stunden am Schulleben teilzunehmen.

Studien und Praxisberichte deuten darauf hin, dass der Avatar Angst reduzieren kann, insbesondere bei der schrittweisen Heranführung an den Schulbesuch nach langer Abwesenheit oder im Kontext von Schulangst. Eine norwegische Studie hob hervor, dass der Roboter eine „energieeffiziente Form der Interaktion“ bietet. Eine 17-jährige Krebspatientin erklärte, sie könne auf dem Sofa liegen und „halb tot aussehen“, ohne den Druck, von anderen gesehen zu werden. Der Druck zur „Selbstdarstellung“ wird so entscheidend verringert.

Einführung des Avatars: Das Kollegium und die Klasse mitnehmen

Die erfolgreiche Implementierung eines Avatars ist keine rein technische oder administrative Aufgabe, sondern, wie Prof. Dr. Jochen Lange in unserem Interview (LINK) andeutet, eine tiefgreifende organisatorische und kulturelle Intervention, die die Schule zwingt, ihre eigenen Regeln der Anwesenheit, Kommunikation und Fürsorge neu zu verhandeln.  

Eine sorgfältige pädagogische Vorbereitung ist daher unerlässlich. Dies beginnt mit einer offenen Kommunikation in der Klasse. In Absprache mit der betroffenen Familie sollten die Mitschülerinnen und Mitschüler über die Situation und die Funktionsweise des Avatars aufgeklärt werden, um Ängste und Vorurteile abzubauen. Die gemeinsame Personalisierung des Roboters kann dabei helfen, eine positive Beziehung aufzubauen.  

Das Lehrerkollegium darf mit dieser neuen Herausforderung nicht allein gelassen werden. Es bedarf gezielter Unterstützung durch didaktische Beratung, technische Einweisung und den Austausch von Best-Practice-Beispielen. Medienpädagogische Zentren können hier wertvolle Beratungsleistungen erbringen. Für Schulleitungen liegt die große Aufgabe und zugleich die große Chance darin, diesen Prozess aktiv und im Dialog mit allen Beteiligten zu gestalten. Der kleine Roboter im Klassenzimmer ist so nicht nur individuelles Hilfsmittel, sondern Anstoß für eine bessere Schule für alle.