„Ukrainische Kinder möchten nichts verpassen“

Gerald Miebs, Schulleiter der Deutschen Schule in Kiew, erläutert im Interview, welche Unterstützung ukrainische Kinder aktuell benötigen.

Das ukrainische und das deutsche Schulsystem sind zwar grundverschieden, aber die Bildungspläne decken sich weitgehend. Eigentlich gute Voraussetzungen für eine anschlussfähige Beschulung ukrainischer Kinder, findet der Schulleiter der Deutschen Schule in Kiew, Gerald Miebs. Er hat die Ukraine kurz vor Kriegsbeginn verlassen und erläutert im Interview, worauf es ankommt, damit ukrainische Kinder den Anschluss nicht verlieren.

Redaktion: Herr Miebs, in der Ukraine sind der Unterrichtsstil und auch das Notensystem anders als bei uns in Deutschland. Woran können sich deutsche Lehrkräfte bei der Beschulung ukrainischer Kinder orientieren?

Gerald Miebs: Das ukrainische Schulsystem ist frontaler ausgerichtet als das deutsche und auch das System der Klassenwiederholung existiert so nicht. Vergleicht man beide Schulsysteme, so ist auffällig, dass sich die Art der Leistungserhebung stark unterscheidet. In der Ukraine werden die Leistungen der Schülerinnen und Schüler nahezu täglich erfasst. Die ukrainischen Kolleginnen und Kollegen, insbesondere die Abteilungsleitenden und Schulleitungen, haben eine immense Dokumentationspflicht. Jede Note, die in einem Fach vergeben wird, muss aufgelistet und dokumentiert werden. Die Datenerhebung ist somit vielseitiger und umfassender. Die Schülerinnen und Schüler erhalten ähnlich wie in Deutschland Halbjahres- und Jahreszeugnisse, die alle Noten zusammenfassen. Die Zeugnisse können auch bei uns zur Einschätzung des jeweiligen Schülers bzw. der jeweiligen Schülerin herangezogen werden.

Redaktion: Gibt es weitere Anknüpfungspunkte etwa im Blick auf bereits vorhandene Deutsch-Kenntnisse der ukrainischen Schulkinder? 

Miebs: Die ukrainischen und deutschen Bildungspläne sind gar nicht mal so unterschiedlich. Zudem sind alle ukrainischen Pläne in deutscher sowie englischer Sprache online verfüg- und abrufbar. Zu beachten ist sicher, dass die Kinder unterschiedliche Leistungsniveaus je nach Schulfach aufweisen. In den naturwissenschaftlichen Fächern, insbesondere in der Mathematik, ist das Leistungsniveau in der Ukraine wesentlich höher als in Deutschland. In anderen Fächern kann man von einem äquivalenten Kenntnisstand ausgehen.

„Zwar lernen viele ukrainische Kinder Deutsch als zweite oder erste Fremdsprache, doch die Sprachkenntnisse sind schlechter als angenommen.“

Gerald Miebs

Die Frage, wie gut ukrainische Kinder Deutsch sprechen, ist eine wichtige. Zwar lernen viele von ihnen Deutsch als zweite oder auch erste Fremdsprache, doch die Sprachkenntnisse sind schlechter als oftmals angenommen. Das Niveau ist nicht so hoch, wie wir uns das vorstellen. Es reicht meist nicht über das A2-Level hinaus. 

Redaktion: Was bedeutet das konkret für die Beschulung ukrainischer Kinder? 

Miebs: Es kommt auf die Zielrichtung an und wir befinden uns da in einer Zwickmühle. Die Situation - so wird es zumindest aktuell angenommen und ob das eine realistische Einschätzung ist, kann niemand sagen – ist die, dass 90 Prozent der Geflüchteten auch wieder in die Ukraine zurückkehren möchten. Der Drang, die deutsche Sprache zu lernen, ist demnach gering. Selbstverständlich möchten die Familien sozial interagieren, sodass wir durchaus in der Pflicht stehen, Sprachlernangebote sicherzustellen. Doch die Intention der geflüchteten Personen ist, wieder zurückzukehren, und nicht, sich auf Dauer im deutschen System zurechtzufinden. Dass, was sie hier lernen, möchten sie mit nach Hause nehmen und es geht ihnen vor allem auch darum, dass ihre Kinder keinen Schulstoff verpassen.

Redaktion: Wie kann es uns gelingen, die Kinder so zu unterrichten, dass der gelernte Schulstoff anschlussfähig an den ukrainischen Bildungsplan ist?

Miebs: Eine Abweichung von den deutschen Bildungsplänen ist nicht notwendig. Das Problem liegt meiner Ansicht nach woanders und so bin ich auch kein Befürworter der sogenannten Willkommensklassen, in der das Erlernen der deutschen Sprache im Vordergrund steht. Es sollte mehr Seiteneinsteigerprogramme geben, die im regulären Unterrichtsbetrieb sprachliche Begleitung und Unterstützung bieten. Die ukrainischen Kinder sollten ganz normal am Geografie- oder Mathematikunterricht teilnehmen, weil die Lerninhalte nah an dem sind, was sie in der Ukraine eben auch lernen würden.

„Kulturelle Gepflogenheiten gilt es zu berücksichtigen, damit es zu keinen Missverständnissen kommt.“

Gerald Miebs

Wir müssen uns auch darüber im Klaren sein, das ein Großteil der ukrainischen Schulen je nach Standort, also insbesondere die Schulen im Westen der Ukraine, ihren Unterricht online über eigene Plattformen anbietet. Über diese lernen die ukrainischen Kinder auch von Deutschland aus. So meinte eine deutsche Kollegin neulich zu mir, dass ukrainische Kinder nicht regelmäßig zum Unterricht erscheinen würden. Da konnte ich ihr entgegnen, dass dies eben daran läge, weil sie online an ihrer Heimatschule lernen, statt in der deutschen Schule in Präsenz aufzutauchen.

Für deutsche Lehrerinnen und Lehrer ist ganz wichtig, zu wissen, dass Kinder in der Ukraine auch ohne Entschuldigungsschreiben dem Unterricht fernbleiben können. Beispielsweise bei wichtigen Familienangelegenheiten kommt das Kind auch mal nicht zur Schule. So etwas wäre in Deutschland undenkbar. Es geht hier also auch um kulturelle Gepflogenheiten, die es zu berücksichtigen gilt, damit es zu keinen Konflikten kommt.

Redaktion: Inwiefern kommen an dieser Stelle Programme wie das der Schüler- oder Elternmentoren oder auch die Ausstattung der ukrainischen Kinder mit dem nötigen technischen Equipment zum Tragen?

Miebs: Diese Angebote sind enorm wichtig. Mentoren oder Tutoren, die ukrainische Kinder und ihre Mütter an der Schule, aber auch im Alltag begleiten, können vorhandenes Konfliktpotential aufgrund von Differenzen in der Schul- aber auch Lebenskultur verringern. 
Die Schülerinnen und Schüler mit Endgeräten auszustatten, sehe ich als einen weiteren ganz bedeutsamen Punkt. Zumal es im ukrainischen Bildungssystem übergeordnete Lernplattformen gibt, über die man beispielsweise Arbeiten schreiben und Abschlüsse machen kann. Doch beides ist wichtig: Die Ermöglichung des digitalen Lernens sowie die Förderung der sozialen, physischen Interaktion in der Schule und im Alltag.

Redaktion: Die Kriegserfahrungen und die Erlebnisse einer Flucht bilden schwere Belastungen für die Kinder. Wie kann sichergestellt werden, dass sie bei ihrem Schulbesuch in Deutschland auch psychologische Betreuung erhalten?

Miebs: Die deutschen Lehrkräfte und Schulleitungen müssen bei diesem Thema sehr sensibel sein und mit den daraus resultierenden Situationen angemessen umgehen. Hierzu gibt es viele Informationsangebote, die Hilfestellung geben, bei Fragen wie: „Was bedeutet das für meinen Unterricht“? „Wie gehe ich mit traumatisierten Kindern um“? usw. Doch deutsche Lehrkräfte und Schulleitungen können dies nicht allein leisten, sie benötigen Unterstützung von geschultem Personal. Die Kinder, die zu uns nach Deutschland kommen, haben zum Teil schreckliche Szenen erlebt. Für sie und auch für ihre Eltern gibt es direkte Angebote, die in russischer oder ukrainischer Sprache Begleitung anbieten.

„Neben dem Spracherwerb müssen wir ukrainischen Kindern ermöglichen, online an ihren Lernprogrammen teilzunehmen.“

Gerald Miebs

Redaktion: Gibt es etwas, worauf sie andere Schulleitungen besonders aufmerksam machen möchten?

Miebs: Ich möchte bei meinen Schulleitungskolleginnen und -kollegen unbedingt verstanden wissen, dass die Zeugnisse, die ukrainische Kinder mitgebracht haben, auch in Deutschland ihre entsprechende Anerkennung finden. Es wäre nicht richtig, die Zeugnisnoten anzuzweifeln, denn sie sind seriös entstanden. Aufgrund der aktuellen Situation kann keine Prognose getroffen werden. Deshalb ist es von Bedeutung, dass wir zweigleisig fahren: Neben dem Spracherwerb müssen wir ukrainischen Kindern ermöglichen, online an ihren Lernprogrammen teilzunehmen. 

Zur Person

Gerald Miebs ist Schulleiter der Deutschen Schule in Kiew und unterrichtet dort eine neunte Klasse in Philosophie/Ethik sowie eine zehnte Klasse in Deutsch. Derzeit ist er in Berlin.