Was macht gute Online-Fortbildungen für Lehrkräfte aus?
Forschende der Universität Tübingen zeigen, wie digitale Formate Unterrichtsqualität und Professionalisierung stärken

Online-Fortbildungen für Lehrkräfte nehmen zu – doch nicht alle sind wirksam. Forschende des Hector-Instituts in Tübingen erläutern, unter welchen Bedingungen digitale Formate nachhaltige Effekte erzielen: evidenzbasierte Inhalte, Praxisnähe, aktive Beteiligung, Austausch und Anwendung. Entscheidend ist zudem die Anpassung an unterschiedliche Voraussetzungen der Teilnehmenden.
Welche Rolle spielen Fortbildungen für Lehrkräfte? Die Anforderungen an den Schulalltag verändern sich ständig – sei es durch technologische Entwicklungen wie Künstliche Intelligenz, heterogene Lerngruppen, die Förderung von Basis- und Schlüsselkompetenzen, die gezielte Unterstützung sowohl leistungsschwacher als auch leistungsstarker Schülerinnen und Schüler oder gesellschaftliche Aufgaben wie die Stärkung demokratischer Werte. Da das Lehramtsstudium darauf nur begrenzt vorbereitet, schließen Fortbildungen eine zentrale Lücke in der professionellen Weiterentwicklung von Lehrkräften.
Redaktion: Welche Vorteile haben Online-Fortbildungen gegenüber klassischen Formaten?
Dr. Tim Fütterer: Online-Fortbildungen bieten flexibles, orts- und zeitunabhängiges Lernen, das sich gut in den Berufsalltag von Lehrkräften integrieren lässt. Sie bieten individuell zugeschnittene Inhalte, umgehen Reiseaufwand und ermöglichen schnellen Zugriff auf aktuelle Informationen. Gleichzeitig fördern sie die Vernetzung der Lehrkräfte – auch über regionale Grenzen hinweg.
Wie lässt sich der Erfolg von Online-Fortbildungen messen?
Der Erfolg von Online-Fortbildungen lässt sich auf drei Ebenen messen: Auf der Ebene der Lehrkräfteentwicklung stehen Wissenszuwachs, Motivation und Selbstwirksamkeit im Mittelpunkt, die sich etwa durch Wissenstests oder Selbsteinschätzungen erfassen lassen. Unterrichtsveränderungen zeigen sich in der Qualität der Gestaltung – etwa durch kognitive Aktivierung, konstruktive Unterstützung oder den Einsatz neuer Methoden – die über Beobachtungen oder Videoanalysen überprüft werden können. Auf der Ebene der Schülerinnen und Schüler dienen Lernfortschritte, Motivation und der Erwerb überfachlicher Kompetenzen als Indikatoren, messbar beispielsweise durch Tests oder Befragungen. Entscheidend ist, alle drei Ebenen gemeinsam in den Blick zu nehmen, um die Wirkung von Online-Fortbildungen fundiert beurteilen zu können.
Redaktion: Was weiß die Forschung darüber, wie wirksam Online-Fortbildungen sind?
Fütterer: Empirische Befunde zeigen: Gut gestaltete Online-Fortbildungen können Lehrkräfte wirksam unterstützen. In einer kürzlich veröffentlichten Meta-Analyse haben wir die Evidenz speziell zur Wirksamkeit von Online-Fortbildungen vorgestellt. Auf Basis von 48 Primärstudien zeigen sich durchweg positive Effekte auf allen drei Ebenen – Kompetenz der Lehrkraft, Qualität des Unterrichts und Leistungen der Schülerinnen und Schüler. Diese Befunde unterstreichen, dass Online-Fortbildungen nicht nur Wissen vermitteln, sondern tatsächlich Veränderungen im Klassenzimmer anstoßen können mit messbarem Einfluss auf das Lernen der Schülerinnen und Schüler.
Redaktion: Welche Bedingungen müssen erfüllt sein, damit eine Online-Fortbildung erfolgreich ist?
Dr. Armin Fabian: Aus Sicht der Forschung gibt es verschiedene Merkmale, darunter klare Lernziele, Evidenzorientierung, einen engen Bezug zur Praxis, aktive Beteiligung sowie Austausch- und Anwendungsmöglichkeiten. Gleichzeitig sollten bewährte Qualitätsmerkmale aus Präsenzveranstaltungen auch bei Onlinefortbildungen berücksichtigt werden. Dazu zählen Aspekte qualitativ hochwertigen Unterrichts, insbesondere die kognitive Aktivierung der Teilnehmenden. Ein entscheidender Vorteil von Onlinefortbildungen ist, dass sich deutlich stärker personalisierte Fortbildungsangebote realisieren lassen.
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Redaktion: Können Sie das genauer erläutern?
Fabian: Lehrkräfte unterscheiden sich in ihren Vorkenntnissen, Erfahrungen und Interessen – eine Vielfalt, die bisherige Online-Formate häufig nicht ausreichend berücksichtigen. Ohne adaptive Strukturen steigt das Risiko von Über- oder Unterforderung, was die Abbruchraten erhöht und den Lernerfolg mindert. Adaptiv gestaltete Online-Fortbildungen hingegen könnten Lernwege personalisieren, gezielt an individuelle Voraussetzungen angepasst werden und die Motivation über die gesamte Fortbildungsdauer aufrechterhalten.
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Redaktion: Wie kann man sich adaptiv gestaltete Fortbildungen vorstellen?
Fabian: Im Projekt ALIFE erproben wir derzeit adaptive Online-Fortbildungen, etwa zu den Themen Digitale Medien im Unterricht und Hochbegabtenförderung. Lehrkräfte können dabei individuell passende Module wählen – je nach Vorwissen, Interesse und Bedarf. Auf diese Weise lassen sich technische Grundlagen vermeiden oder gezielt vertiefen. Gleichzeitig können praxisnahe Beispiele ausgewählt und direkt für den Unterricht nutzbar gemacht werden.
Dr. Nina Udvardi-Lakos: Dafür nutzen wir auch formative Assessments, sodass den Teilnehmenden je nach Vorwissen und Interessen unterschiedliche Lernpfade vorschlagen werden können, und arbeiten mit interaktiven Übungen, die an den individuellen Kompetenzstand angepasst sind.
Redaktion: Ihre Forschung belegt die Wirksamkeit von Online-Fortbildungen. Was müsste aus Ihrer Sicht jetzt bildungspolitisch geschehen, damit diese Formate nicht nur vereinzelt, sondern flächendeckend wirksam werden?
Fütterer: Damit Online-Fortbildungen flächendeckend wirksam werden, braucht es eine Gesamtstrategie. Besonders wichtig sind meines Erachtens drei Bereiche: die Qualität des Angebots, ihre effektive Nutzung durch Lehrkräfte und die bildungspolitischen Rahmenbedingungen.
Online-Fortbildungen sollten evidenzbasiert und praxisnah gestaltet sein. Dafür braucht es bundesweit einheitliche Qualitätsstandards sowie eine unabhängige Prüfung und Zertifizierung der Angebote. Qualität muss dabei Vorrang vor Quantität haben – wenige, wirksame Formate erscheinen mir hilfreicher als eine unübersichtliche Anzahl ungeprüfter Angebote. Die Forschung spielt dabei eine zentrale Rolle, um die Wirksamkeit sicherzustellen. Gleichzeitig gilt es, digitale Potenziale für die Entwicklung skalierbarer und niederschwelliger Angebote zu nutzen. Darüber hinaus sollte man Erkenntnisse aus Implementationsforschungen ernst nehmen, um Implementationsbrüche, also, dass Fortbildungsinhalte beispielsweise nicht im Unterricht Eingang finden, zu vermeiden. Besonders wichtig ist hier, dass unterschiedliche Akteure und insbesondere die Zielgruppe, also die Lehrkräfte, interdisziplinär und auf Augenhöhe bei der Entwicklung von Fortbildungsangeboten zusammenarbeiten.
Udvardi-Lakos: Auch die regelmäßige und effektive Nutzung durch Lehrkräfte muss gefördert werden – etwa durch Freistellungen für Fortbildungszeiten, wie sie beispielsweise in Finnland gesetzlich verankert sind, und attraktive Zertifizierungsmöglichkeiten, die auch für Karrierewege relevant sind. Wichtig ist, Fortbildung als festen Bestandteil professioneller Arbeit zu begreifen – ähnlich wie in anderen Berufen, etwa bei Ärztinnen und Ärzten, Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten oder Pilotinnen und Piloten, bei denen regelmäßige Fortbildung verpflichtend und selbstverständlich ist, um Zulassungen aufrecht zu erhalten.
Fabian: Nicht zuletzt braucht es eine strukturelle Verankerung: Online-Fortbildungen wie auch Präsenzfortbildungen sollten systematisch in die dritte Phase der Lehrkräftebildung, also den gesamten Zeitraum der beruflichen Tätigkeit als Lehrkraft hinweg, integriert werden. Kooperationen zwischen Landesinstituten, Fortbildungsanbietern und Bildungsforschung sowie einheitliche Zertifikate können den Transfer in die Praxis erleichtern. Genau wie in wirtschaftlichen Branchen brauchen Lehrkräfte ausreichend Gelegenheiten, sich effektiv fortzubilden.
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Redaktion: Wie können Schulen eine nachhaltige Fortbildungskultur entwickeln, die über punktuelle Angebote hinausgeht und den Transfer in die Unterrichtspraxis unterstützt?
Fabian: Fortbildungen werden dann wirksam, wenn sie als Teil der Schulentwicklung verstanden und strukturell verankert sind. Dafür braucht es klare Rahmenbedingungen durch die Schulleitung – von Entlastung bei Organisation und Vertretung bis zu Freiräumen für Erprobung im Unterricht. Ebenso zentral sind ein kollegiales Miteinander und Austausch – etwa in Form von Peer-Feedback oder strukturierten Formaten wie der Lesson Study. Ein vertrauensvolles Lernklima fördert es, sowohl gelungene als auch herausfordernde Umsetzungserfahrungen offen zu besprechen und gemeinsam Lösungen zu entwickeln. So können neue Impulse nicht nur individuell, sondern im gesamten Kollegium wirksam werden und die langfristige Weiterentwicklung der Schule unterstützen – eine Rolle, die, wie beispielsweise Prof. Dr. Pierre Tulowitzki hervorhebt, maßgeblich von der Schulleitung geprägt wird.
Redaktion: Frau Doktor Udvardi-Lakos, Herr Doktor Fütterer, Herr Doktor Fabian, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Zur Person
Dr. Tim Fütterer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung an der Universität Tübingen. Seine Forschungsinteressen liegen unter anderem in der Professionalisierung von Lehrkräften und der Anwendung von künstlicher Intelligenz im Bildungskontext.

Zur Person
Dr. Nina Udvardi-Lakos ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung an der Universität Tübingen. Ihre Forschungsinteressen liegen unter anderem in der Förderung von selbstreguliertem Lernen und Motivation, beispielsweise bei der Teilnahme an Lehrkräftefortbildungen.

Zur Person
Dr. Armin Fabian ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung an der Universität Tübingen. Seine Forschungsinteressen liegen im Einsatz digitaler Technologien im Fachunterricht sowie in der Frage, welche Rolle Lehrkräftekompetenzen – etwa Motivation und professionelles Wissen – dabei spielen.
Alle drei Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner arbeiten gemeinsam im Projekt ALIFE, in dem adaptive, online-basierte und effektive Fortbildungen entstehen und für alle Lehrkräfte zugänglich gemacht werden.





