Weniger Druck, bessere Diagnosen: Wie spielbasierte Testverfahren Lese-Rechtschreibprobleme früh erkennen
Eine Lese-Rechtschreibschwäche kann für Kinder und Jugendliche enorm belastend sein. Eine spielbasierte Diagnose kann dabei helfen, frühzeitig zu unterstützen.

Studien zeigen, dass immer mehr Schüler:innen Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben haben. Eine frühzeitige Diagnose ist entscheidend, um Sprachprobleme effizient zu adressieren. Allerdings können traditionelle Methoden nur unzureichend vorhersagen, welche Kinder Unterstützung benötigen. Ein digitales und spielbasiertes Screening kann helfen, betroffene Kinder frühzeitig zu erkennen und zu fördern.
Redaktion: Herr Dr. Beuttler, KI-Modelle wie ChatGPT erzeugen fehlerfreien Text, den man sich auch vorlesen lassen kann. Welche Rolle spielen Lesen und Schreiben in dieser neuen Welt noch?
Dr. Benedikt Beuttler: Lesen und Schreiben bleiben trotz der Fortschritte generativer Sprachmodelle essenziell für die persönliche und berufliche Entwicklung. Zwar unterstützen diese Technologien zahlreiche Aufgaben, doch sie ersetzen nicht die Fähigkeit, Texte eigenständig zu erfassen, zu verstehen und kritisch zu reflektieren. Zudem fördern Lesen und Schreiben analytisches Denken sowie die Kompetenz, Informationen strukturiert zu verarbeiten und präzise auszudrücken.
Ein frühzeitiger und übermäßiger Einsatz technologischer Hilfsmittel kann dazu führen, dass Kinder grundlegende Lese- und Schreibfähigkeiten nicht ausreichend entwickeln. Wenn diese Werkzeuge von Beginn an genutzt werden, besteht die Gefahr des „Skill Skipping“, wie es Florian Nuxoll beschreibt. Schülerinnen und Schüler reichen dann zwar ein Endprodukt ein, der eigentliche Lernprozess findet jedoch nicht mehr statt und die grundlegenden Kompetenzen werden nicht angeeignet.
Redaktion: Nationale Vergleichsstudien zeigen, dass immer mehr Kinder und Jugendliche Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben haben.
Beuttler: Studien wie IGLU, PISA und der IQB-Bildungstrend geben seit Jahren Einblick in die Sprachkompetenz junger Lernender. Die IGLU-Studie 2022 zeigt zum Beispiel, dass jedes vierte Kind in der vierten Klasse nicht das Mindestniveau im Textverständnis erreicht. Für ältere Schülerinnen und Schüler zeigt der aktuelle IQB-Bildungstrend von 2022, dass fast jedes dritte Kind in der neunten Klasse den Mindeststandard in der Orthografie verfehlt.
Hinzu kommt, dass etwa fünf bis zehn Prozent der Kinder in Deutschland eine diagnostizierte Lese-Rechtschreibstörung haben. Diese Kinder benötigen gezielte Unterstützung, um ihre Lese- und Schreibfähigkeiten zu verbessern und langfristig gleiche Bildungschancen zu erhalten.
Lese- und Rechtschreibschwäche oder Lese- und Rechtschreibstörung: Worin liegen die Unterschiede?
Eine Legasthenie beziehungsweise eine Lese-Rechtschreibstörung (gemäß ICD-10) bezeichnet gravierende Schwierigkeiten beim Erlernen des Lesens und/oder Schreibens. Die Lese-Rechtschreibstörung erfordert eine spezifische Diagnose durch Fachkräfte wie Kinder- und Jugendpsychiater oder Psychologinnen und Psychologen und basiert auf dem IQ-Diskrepanzkriterium – also einer deutlichen Abweichung zwischen der intellektuellen Leistungsfähigkeit eines Kindes und seinen tatsächlichen Lese- und Schreibfähigkeiten. Der Begriff Lese-Rechtschreibschwäche exkludiert das Diskrepanzkriterium und ist dabei eine weitergefasstere Untermenge der Legasthenie. Er umfasst zusätzlich kognitive Beeinträchtigungen, die die Lese- und Schreibentwicklung erschweren können.
Redaktion: Welche Faktoren beeinflussen die Entstehung einer Lese- und Rechtschreibschwäche?
Beuttler: Eine Lese-Rechtschreibschwäche wird durch ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Faktoren beeinflusst, darunter genetische Veranlagung, sozioökonomische Rahmenbedingungen, kognitive Fähigkeiten sowie die Verarbeitung visueller und auditiver Reize. Besonders gut belegt ist die Phonologische Defizit-Theorie, die zeigt, dass eine ausgeprägte phonologische Bewusstheit entscheidend für die Entwicklung von Lese- und Schreibkompetenzen ist. Ein Defizit in diesem Bereich gilt als eine der Hauptursachen für Lese-Rechtschreibschwäche. Zudem können psychologische Faktoren wie Aufmerksamkeitsstörungen oder emotionale Belastungen die Ausprägung und den Verlauf der Schwäche verstärken.
Phonologische Defizit-Theorie
Die Phonologische Defizit-Theorie besagt, dass Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben häufig auf eine eingeschränkte Fähigkeit zurückzuführen sind, Sprachlaute (Phoneme) bewusst wahrzunehmen und zu verarbeiten. Kinder mit einer schwachen phonologischen Bewusstheit haben Probleme, Wörter in Laute zu zerlegen oder Lautfolgen zu erkennen, was das Erlernen von Buchstaben-Laut-Zuordnungen erschwert. Dieses Defizit gilt als eine der Hauptursachen für Lese-Rechtschreibschwäche.
Redaktion: Wie äußert sich ein eingeschränktes phonologisches Bewusstsein konkret?
Beuttler: Kinder mit eingeschränkter phonologischer Bewusstheit zeigen häufig eine verlangsamte Lesegeschwindigkeit, ungenaues Lesen und Schwierigkeiten bei der Erkennung von Betonungsmustern und Silben auf Wort- und Satzebene. Zudem weisen sie ein auffälliges Antwortverhalten auf, das sich von dem nicht betroffener Kinder unterscheidet. In unserer Studie zeigte sich dies unter anderem in einer stärkeren Ja-Sage-Tendenz, was das Wiedererkennen von Tieren in einer Bildersammlung betraf– ein Unterschied im Antwortverhalten, der sie statistisch signifikant von Kindern ohne Schwierigkeiten unterscheidet.
Redaktion: Welche Konsequenzen haben Lese- und Rechtschreibprobleme für die betroffenen Kinder?
Beuttler: Lese- und Rechtschreibprobleme können die schulische und langfristig auch die berufliche Entwicklung erheblich beeinträchtigen und das Selbstbewusstsein der betroffenen Kinder schwächen. Die daraus resultierende Frustration und das geringere Selbstwertgefühl erhöhen das Risiko für Testangst und verringern die Lernmotivation. Zudem empfinden viele Kinder mit Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten hohen Leistungsdruck, der ihre Motivation weiter senken kann. In sozialen Situationen fühlen sie sich oft benachteiligt, was ihre Integration in die Klassengemeinschaft erschwert und ihr Verhalten im Unterricht beeinflusst.
Redaktion: Wie wichtig ist eine frühe Diagnose?
Beuttler: Je früher eine Lese- und Rechtschreibschwäche diagnostiziert wird, desto früher kann eine gezielte Intervention beginnen. Das Screening beim Übergang vom Kindergarten in die Grundschule ist wichtig, da eine spätere Diagnose in höheren Klassen schwerer zu behandeln ist. Eine frühzeitige Unterstützung verbessert die Chancen auf eine erfolgreiche sprachliche Entwicklung.
Redaktion: Welche Nachteile sehen Sie in der traditionellen Diagnostik von Lese- und Rechtschreibschwächen?
Beuttler: Die Diagnose einer Lese-Rechtschreibschwäche kann erst im Schulalter erfolgen, wenn die Kinder bereits erste Lese- und Schreibfähigkeiten entwickelt haben, meist gegen Ende der ersten oder Mitte der zweiten Klasse. Diese Diagnose erfolgt häufig durch standardisierte Einzeltests, die jedoch einen hohen Zeit- und Personalaufwand erfordern. Ein wesentlicher Nachteil dieses Verfahrens ist, dass betroffene Kinder oft erst dann erkannt werden, wenn bereits deutliche Schwierigkeiten vorliegen, was wertvolle Förderzeit kostet.
Ähnliche Probleme sehen wir auch bei der Erkennung von Risikofaktoren. Traditionelle Ansätze zur Identifizierung dieser Risikofaktoren basieren häufig auf Einzeltestungen und/oder Papier-basierten Verfahren. Diese Methoden erschweren sowohl eine standardisierte Durchführung als auch eine effiziente Auswertung und sind daher mit einem hohen Aufwand verbunden. Zudem zeigen Meta-Analysen, dass bestehende deutsche Screening-Verfahren oft eine unzureichende prognostische Validität aufweisen, sie können also eher schlecht vorhersagen, welche Kinder Hilfe benötigen, bevor größere Probleme auftreten.
Redaktion: Um diese Lücke zu schließen, haben Sie ein digitales, spielbasiertes Screening entwickelt, das bereits in der Vorschule Risikofaktoren erkennt. Was sind die wesentlichen Vorteile dieses Ansatzes?
Beuttler: Ein spielbasiertes Screening reduziert den Leistungsdruck, da Kinder die Aufgaben in einer motivierenden und ansprechenden Umgebung lösen können. Diese Herangehensweise ermöglicht eine genauere und authentischere Erfassung der Fähigkeiten und macht den Testprozess weniger belastend. Der spielerische Ansatz fördert nachweislich eine positive Nutzungserfahrung und steigert die Motivation der Kinder, was zu intensiverem Engagement bei den Aufgaben führt. Zudem konzentrieren sich die Kinder stärker auf ihre Tablets und lassen sich weniger ablenken.
Ein weiterer Vorteil ist, dass unser Screening in Gruppen durchgeführt werden kann. Durch die automatisierte Erfassung und Auswertung können bis zu zwölf Kinder gleichzeitig getestet werden. Unsere Studien zeigen, dass die Vorhersagekraft des Screenings im Vergleich zu traditionellen Methoden im oberen Mittelfeld liegt. Im Gegensatz zu klassischen Lese-Rechtschreibscreenings kommt hinzu, dass die digitale Umsetzung und die Möglichkeit, Gruppen zu testen, auch für Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte eine Entlastung darstellt.
Redaktion: Vorschüler:innen beherrschen das Lesen und Schreiben in der Regel nur sehr grundlegend. Mit welchen Aufgaben kann eine Lese- und Rechtschreibschwäche in diesem Alter dennoch präzise erfasst werden?
Beuttler: Wir fokussieren uns auf Aufgaben, die keine Lese- oder Schreibfähigkeiten erfordern. Das sind zum Beispiel Aufgaben zur phonologischen Bewusstheit, der auditiven und visuellen Verarbeitung sowie zur schnellen Benennung von Objekten und Reaktionszeitaufgaben. Diese Fähigkeiten sind sowohl starke Prädiktoren für den frühen Schriftspracherwerb und Lese-Rechtschreibschwierigkeiten als auch für zentrale Bestandteile evidenzbasierter Sprachförderung. Sie ermöglichen es, bereits frühzeitig Probleme in der Lese- und Schreibentwicklung zu erkennen, ohne dass die Kinder bereits lesen oder schreiben können.
Redaktion: Können Sie ein Beispiel für eine solche Aufgabe nennen?
Beuttler: Ein Beispiel ist der „Syllable Stress Task“. Dabei müssen Kinder die Betonungsmuster in einem Satz erkennen und das korrekte Betonungsmuster auswählen. Dies geschieht durch visuelle und auditive Unterstützung, bei der betonte und unbetonte Silben durch unterschiedliche Lautstärken und Punktgrößen dargestellt werden. Nehmen wir als Beispiel den Satz „Ich renne und hüpfe.” Die betonten und unbetonten Silben werden dabei von unterschiedlich lauten Geräuschen untermalt, es ergibt sich folgendes Muster: “oOooOo”(ichRENneundHÜPfe). Vorangegangene und nun auch unsere Forschung hat gezeigt, dass es einen starken Zusammenhang zwischen der Lese-Rechtschreibfertigkeit und der Fähigkeit gibt, Betonungsmuster zu erkennen.
Redaktion: Welche Entwicklungen sind notwendig, um solche spielbasierten Ansätze in Zukunft für Kitas und Grundschulen zugänglich zu machen?
Beuttler: Zunächst muss in Kindertagesstätten und Schulen eine Struktur etabliert werden, die regelmäßige und unkomplizierte Screenings ermöglicht, sodass sie für Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte zugänglich und praktikabel sind. Darüber hinaus sollten die Tools so intuitiv und selbsterklärend sein, dass Lehrkräfte sie ohne zusätzliche Schulungen effektiv nutzen können, um eine weitere Belastung des Personals zu vermeiden. Durch die spielbasierte und digitale Umsetzung des gesamten Prozesses wird zudem die Effektivität gesteigert, und es wird möglich, Kinder aus allen Leistungsspektren zu erreichen und zu messen.
Redaktion: Herr Doktor Beuttler, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Zur Person
Dr. Benedikt Beuttler ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Arbeitsgruppe Sprache und KI in der Bildung am Leibniz-Institut für Wissensmedien in Tübingen sowie an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg.





