Wie der Wissenstransfer zwischen Bildungsforschung und Praxis gelingen kann

Was braucht es für einen wirkungsvollen Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis im deutschen Bildungssystem? Das war eine der zentralen Fragen bei der Bildungsforschungstagung in Berlin.

Die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Praxis kann der entscheidende Motor für Fortschritt und Erfolg im Bildungssystem sein – doch in der Realität gestaltet sie sich oftmals zäh, mühselig und führt in der Breite oft nicht zu den gewünschten Zielen. Doch warum ist das so? Und wie kann es besser funktionieren?

Diese Fragen wurden unter anderem von Christiane Spiel, Professorin für Bildungspsychologie und Evaluation von der Universität Wien, in ihrer Keynote zu Beginn des zweiten Tages der Bildungsforschungstagung des Ministeriums für Bildung und Forschung vergangene Woche in Berlin erörtert. Auch das anschließende Forum 8 “Chance Bildung: Wie gelingt eine erfolgreiche Bildungszusammenarbeit und welche Rolle spielt die Bildungsforschung?” unter Leitung von Prof. Dr. Becker-Mrotzek und Dr. Martina Diedrich drehte sich um diese Fragen. Im Folgenden einige der zentralen Thesen der Diskussion.

Erfolge erst nach vielen Jahren sichtbar – wenn überhaupt

Ein schlichtes und dennoch entscheidendes Problem bei der Umsetzung von Forschungswissen in der Bildungspraxis: der Faktor Zeit. Professorin Spiel: „Es dauert sehr lange, bis Maßnahmen im Bildungsbereich ihre Wirkung zeigen.“ Entsprechend schwierig sei es, Ursache und Erfolg eindeutig zuzuordnen. Über einen Zeitraum von vielen Jahren könnten eine Menge Einflussfaktoren – wie jüngst etwa die Corona-Pandemie und darauffolgende Schulschließungen – es schwer machen, klar zu erkennen, welche Ursachen zu welchen Wirkungen führten. Erfolgreiche Bildungsmaßnahmen würden für diejenigen, die sie politisch eingeleitet haben, zu spät oder nur eingeschränkt sichtbar, was sie für das politische Tagesgeschäft unattraktiv mache. Die Langwierigkeit sei auch ein Grund, warum es besonders schwierig sei, das Interesse der Öffentlichkeit außerhalb des Bildungsbereichs für ein Thema aufrechtzuerhalten, so Spiel. Dennoch sei dies sehr wichtig, um Probleme auf die öffentliche Agenda zu setzen und für entsprechende politische Veränderung zu sorgen.

Unterschiedliche Welten zwischen Forschung und Praxis

Wie kann eine tragfähige Kommunikation zwischen Wissenschaft, Politik und Praxis geschaffen werden, die dazu führt, dass evidenzbasierte Forschung tatsächlich umgesetzt wird? Und warum ist das eigentlich so schwer? Spiel verwies in ihrer Keynote auf die unterschiedlichen Welten, die hier aufeinanderprallen – mit unterschiedlichen Leistungskriterien, unterschiedlicher Sprache, unterschiedlichen Zwängen. Auf der einen Seite: Bildungsforscher, dessen Renommee vor allem an Artikeln in angesehenen wissenschaftlichen Zeitschriften gemessen wird. Gerade auf junge Forscher:innen treffe dies zu. Spiel: „Doktorand:innen haben oftmals einen Zeitvertrag über ein paar Jahre und stehen unter Druck, zu publizieren, sonst haben sie keine Chance, nach dem Doktorat eine Stelle zu bekommen.“ Zeit, um sich auf Implementation und Transfer der Forschung zu konzentrieren, bleibt da kaum.

„Entscheidungen in der Praxis müssen getroffen werden in Situationen, die völlig unklar sind, die nicht von klarer Evidenz geprägt sind.“

Dr. Martina Diedrich

Am anderen Ende des Spektrums: Politiker:innen und Fachkräfte in der Praxis, die oftmals im Tagesgeschäft „unter hohem Handlungsdruck“ stünden, wie es Dr. Martina Diedrich später in ihrer Anmoderation des Forums 8 ausdrückte: „Entscheidungen müssen getroffen werden in Situationen, die völlig unklar sind, die nicht von klarer Evidenz geprägt sind.“ Frank Wagner, Schulleiter in Hamm, brachte das Problem so auf den Punkt: „Unser Problem ist Zeitnot.“ Als Lehrkraft wäre es nützlich und schön, „ein Tool zur Hand zu haben, das mir sagt: Das, was ich gerade mache, hat einen Effekt, hat eine Wirkung.“
 
Doch das ist für die Wissenschaft gar nicht so leicht anzubieten. Denn Forschung braucht nicht nur viel Zeit, um zu Ergebnissen zu gelangen, die Wissenschaftler:innen operierten grundsätzlich im Modus der Vorläufigkeit und Vorsichtigkeit, Erkenntnisse und Daten seien revidierbar, erläuterte Spiel. Wissenschaftler:innen schauten auf große Stichproben und Zusammenhänge. Und ihre Ergebnisse können zum Teil stark abweichen von anekdotischen Erfahrungen der Lehrkräfte – und müssen auch nicht mit dem Programm eines Politikers übereinstimmen. Widersprüche seien also vorprogrammiert.

Mangelhafte Implementation

Und dann sind da natürlich noch die sogenannten Implementationsstrategien. Oder besser gesagt: der Mangel an ihnen. Spiel beschrieb in ihrem Vortrag das Bild einer Schulleitung, die einfach ein dickes Manual vom Bildungsministerium zugeschickt bekommt, das es dann zu lesen und umzusetzen gilt. Oder Informationen, die per Veröffentlichung auf einer Website weitergereicht würden. Obwohl in Studien nachgewiesen wurde (Dixsen; Blase, Metz & Van Dyke, 2015), dass solch einseitige Top-Down- Kommunikation nicht funktioniere und sich die Umsetzung dann auf 5 bis 15 Prozent der Adressaten beschränke, sei diese Umsetzungsstrategie nach wie vor in Deutschland und Österreich durchaus üblich.

Milestones für mehr Sichtbarkeit

Was ist also zu tun? Sichtbarkeit hält Professorin Spiel für eine der schwierigsten Herausforderungen im Kontext der Umsetzung von Wissenschaft in der Praxis. Wichtig sei, die gesamtgesellschaftliche Relevanz von Themen herauszustellen, am besten so universell, dass sie über Parteigrenzen hinweg Betroffenheit und Handlungswille erzeuge. Da man bei vielen Maßnahmen lange auf Endergebnisse warte, sei es wichtig, Milestones zu definieren und deren Erreichen in Kooperation mit Medien herauszustellen. Spiel: „Dann kann die Politik Meriten einfahren und die Öffentlichkeit erlebt, dass etwas geschieht und dass die Maßnahme etwas bringt.“

Bekenntnis zur Third Mission

Um Kräfte und zusätzliche Energie für den Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis zu erreichen, müsse das Feld der Implementation in Wissenschaftskreisen eine gewisse Anerkennung erfahren – ein Bekenntnis der Institutionen zur sogenannten “Third Mission” sei notwendig, stellte Professorin Spiel dar. Diese Third Mission beschreibt neben Lehre und Forschung eine weitere wichtige Aufgabe der Wissenschaft: Verantwortung in der Öffentlichkeit zu übernehmen und das erworbene Wissen zum Einsatz zu bringen, um Herausforderungen in der Gesellschaft zu begegnen. Engagement in dieser Third Mission müsse für junge Wissenschaftler attraktiv sein und ihnen Berufschancen ermöglichen, führte Spiel aus.

Oft und auf Augenhöhe miteinander sprechen

Auf dem Feld der Kooperation und Kommunikation war Kontinuität das Schlagwort auf der Bifo. „Ich bin sehr für Workshops, aber nicht nur einmal“, sagte Spiel in ihrem Vortrag. Solche Formate müsse man wiederholen, führte die Expertin aus. „Man muss sich kontinuierlich austauschen, weil das die Perspektivenübernahme fördert.“ Also ein Verständnis für die Zwänge, Erwartungen, Hoffnungen der anderen Parteien. Diese Forderung fand zahlreiches Echo auf der Bifo, so forderte etwa auch Prof. Dr. Gabriele Weigand, Professorin für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe und Koordinatorin des Forschungsverbunds „Leistung macht Schule“ (LemaS), dass Zusammenarbeit zwischen den Akteuren institutionalisiert werden müsse. Um zusammen auf Augenhöhe und mit Anerkennung der gegenseitigen Expertisen sogenanntes „data-informed decision-making“ zu erreichen, „fehlen uns noch sehr viele gute Formate“, befand auch Prof. Dr. Anne Sliwka von der Universität Heidelberg in der Diskussion im Forum 8.

Implementation nicht als Add-On, sondern als frühzeitiger Austausch

Wenn Bildungsforschung auf eine Umsetzung ihrer Ergebnisse in praktische Maßnahmen abziele, müsse sie bereits von Anfang mitdenken, wie sie denn implementiert werden könnten, betonte Professorin Spiel. Das Gegenteil sei leider oftmals der Fall, Implementation finde erst als Add-On statt – und ende entsprechend uninspiriert als Informationspaket in Manuals oder auf Webseiten. Deutlich mehr Energie und Zeit müsse in die Auseinandersetzung mit den Ziel- und Stakeholdergruppen eines Forschungsthemas fließen. Der Prozess der Implementation müsse von diesen Gruppen her gedacht werden, erläuterte Spiel. Was denken die Lehrkräfte, Schulleitungen, Schulverwaltungen, Politiker:innen, Jugendarbeiter:innen, Eltern, Schüler:innen zu einem bestimmten Thema? Welches Wissen haben sie dazu? In welchen Rahmenbedingungen bewegen sie sich? Wie kann Wissenschaft das Wissen der Zielgruppen über ein Thema erweitern oder die geplanten Maßnahmen von Anfang an die Gegebenheiten anpassen? Spiel: “Als Wissenschaftlerin frage ich mich von Anfang also: Wo könnten Stolpersteine sein? Was geht nicht? Und dann diskutiere ich mit den Vertretern der Interessengruppen und binde sie ein, so dass sie mithelfen, die Stolpersteine wegzuräumen.” Dabei sei es auch besonders wichtig, explizit nach Gegner:innen einer Maßnahme zu fragen und sich mit diesen auseinanderzusetzen, so Spiel weiter: “So ziehe ich Forschung von hinten auf. Ich kann Ihnen sagen, das ist durchaus mühsam. Aber es funktioniert.”

  • Fixsen, D., Blase, K., Metz, A., & Van Dyke, M. (2015). Implementation Science. International Encyclopedia of the Social and Behavioral Sciences, 11, 695-702.
  • Webseite der Bildungsforschungstagung