„Guter Ganztag ist nicht gleich guter Ganztag“

Interview mit Bildungsforscher Dr. Stephan Kielblock

Im Gespräch mit dem Online-Magazin schulmanagement spricht Bildungsforscher Dr. Stephan Kielblock über den Forschungsstand zum Ganztag, welche Herausforderungen ganztägige Angebote mit sich bringen und welche Potentiale sie bergen.

Redaktion: Herr Dr. Kielblock, an die Ganztagsschule werden politisch und gesellschaftlich mit dem Rechtsanspruch ab 2026/27 hohe Erwartungen geknüpft. Was weiß die Forschung über die positiven Wirkungen von Ganztagsschule heute? Was kann sie bestenfalls leisten?

Dr. Stephan Kielblock: Kinder und Jugendliche, die an Ganztagsangeboten teilnehmen, profitieren auf vielfältige Weise, etwa hinsichtlich ihres Sozialverhaltens. Es gibt auch Hinweise darauf, dass sich ihre Noten besser entwickeln. Die Lernzielorientierung – also die Einschätzung des Lernens als etwas Wichtiges, Lohnendes – nimmt zu. Im Bereich Lesen scheint der Angebotsbesuch ebenfalls ein gewisses Potential zu haben: Wir haben beispielsweise belegen können, dass sich das Leseselbstkonzept, das Leseverstehen und teilweise auch die Lesekompetenzen verbessern.

Darüber hinaus bietet der Ganztag auch eine verlässliche Betreuung – etwas, das bundesweit nahezu alle Schulleitungen von Ganztagsschulen als wichtiges Ziel nennen. Unser StEG-Bildungsmonitoring (StEG: Studie für Entwicklung von Ganztagsschulen, Anm. d. Red.) hat zum Beispiel ergeben, dass Ganztagsgrundschulen im Mittel achteinhalb Stunden verlässliche Betreuung bieten, bei einer Kooperation mit einem Hort sogar bis zu zehn Stunden. Das ist für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie eine wichtige Leistung der Ganztagsschulen.
 

Das Ganztagsförderungsgesetz (GaFöG)

Das im Oktober 2021 beschlossene Gesetz zur ganztägigen Förderung von Kindern im Grundschulalter führt ab dem Jahr 2026 stufenweise einen rechtlichen Anspruch auf ganztägige Förderung für Grundschulkinder ein. Das bedeutet, dass ab August 2026 zunächst alle Kinder der ersten Klassenstufe ein Anrecht darauf haben, ganztägig gefördert zu werden. In den Folgejahren ist geplant, diesen Anspruch um je eine Klassenstufe auszuweiten, um ab August 2029 jedem Grundschulkind der Klassenstufen 1 bis 4 eine ganztägige Betreuung zu bieten. Konkret sieht der Rechtsanspruch einen Betreuungsumfang von acht Stunden an allen fünf Werktagen vor und soll für Grundschulkinder sowohl in Horten als auch in offenen und gebundenen Ganztagsschulen gelten. Dafür müssen noch mehr als 800.000 zusätzliche Plätze geschaffen werden. Der Bund unterstützt diesen Ausbau mit bis zu 3,5 Milliarden Euro für Investitionen in ganztägige Bildungs- und Betreuungsangebote.

Redaktion: Was unterscheidet „Billig-Ganztag”, wie es SPD-Schulexperte Jochen Ott formulierte, von hochwertigem, wirkungsvollem Ganztag? Und welche Faktoren machen hier den Unterschied?

Kielblock: Der Begriff „Billig-Ganztag” bezog sich ja auf die Forderung nach gut qualifizierten Fachkräften im Ganztag. Tatsächlich braucht es gut qualifiziertes Personal in Ganztagsschulen. Dennoch bedeutet eine gute personelle Ausstattung nicht automatisch, dass der Ganztag gut ist. Ganztagsangebote zu entwickeln, ist hochkomplex und die Frage nach dem Personal stellt nur eine Säule unter vielen dar. Was hochwertigen Ganztag ausmacht, haben wir in einem unserer Projekte herausgearbeitet, dem wissenschaftsgeleiteten Qualitätsdialog zum Ganztag (Link dazu unter diesem Artikel, Anm. d. Red.), bei dem wir bundesweit mit einer Reihe von Akteurinnen und Akteuren im Ganztag diskutiert haben. Dabei wurden sechs Handlungsfelder deutlich, die entscheidend sind: die Steuerung, die Zusammenarbeit, das Gesamtkonzept des Ganztagsangebots, die Angebotskonzepte, die Angebotsdurchführung und die sozialen Beziehungen. Die Komplexität der notwendigen Entwicklungen in all diesen Handlungsfeldern gut zu managen – das macht den Unterschied. 

Redaktion: Können Sie einige dieser Felder noch etwas genauer ausführen? Ist mit Steuerung beispielsweise ausschließlich die Schulleitung gemeint?

Kielblock: Steuerung im Ganztag ist tatsächlich komplexer als die Arbeit der einzelnen Schulleitung. Hier geht es vor allem um Leitungshandeln in kooperativer Art und Weise, insbesondere zwischen Institutionen, die für Ganztagsangebote zusammenwirken. Das Feld Zusammenarbeit betrifft dagegen die verschiedenen Personen mit unterschiedlichen Erfahrungen und beruflichen Hintergründen, die im Ganztag miteinander arbeiten müssen, etwa Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher sowie Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter. Dann spielen die Konzepte der Angebote und deren Durchführung eine große Rolle. Ein Beispiel dazu: Ich habe eine Schule vor Ort besucht, da war man recht stolz auf das Konzept von Phasen der Entspannung und Phasen der Anspannung. In der Durchführung haperte es aber dann. Statt sich auszuruhen, haben die Kinder in vermeintlichen Entspannungsphasen eine Kissenschlacht veranstaltet. Hier fehlte es also etwa an klaren Regeln im Angebot oder einem besseren übergeordneten Gesamtkonzept, bei dem die Entspannung in ein geeigneteres Zeitfenster fällt.

Redaktion: Können Sie ein Beispiel nennen, wo in Deutschland Ganztag herausragend gut umgesetzt wird? Was zeichnet den Ganztag in dieser Schule besonders aus im Vergleich zu anderen Angeboten?

Kielblock: Ich kann so ein Beispiel nennen, möchte aber vorab sagen: Eine wichtige Lektion, die ich aus Gesprächen in den Schulen gelernt habe, ist: Guter Ganztag ist nicht gleich guter Ganztag. Ich glaube nicht an allgemeingültige Grammatik eines guten Ganztagsangebots. Der Ganztag muss zum Sozialraum passen – zu den Kindern, Familien und zu den möglichen Kooperationspartnern.  

Eine Schule, die mir in diesem Zusammenhang im Gedächtnis geblieben ist, ist die Grundschule auf dem Süßteresch im niedersächsischen Schüttorf. Dort hat mich besonders beeindruckt, wie die einzelnen Angebote die Interessen und Expertisen der Pädagoginnen und Pädagogen widerspiegeln. Gleichzeitig wurde durch ein ausgefeiltes Gesamt- und Raumkonzept die Möglichkeit geschaffen, dass sich jedes Kind täglich interessengeleitet und freiwillig ein Angebot auswählen konnte. Es gibt etwa Möglichkeiten zu malen, Lego-Roboter zu konstruieren oder Inlineskates zu fahren. Dabei unterstützen sich die Kinder in den Angeboten gegenseitig. Und es gibt Arbeitsgruppen der pädagogisch Tätigen, die zusammen Lehrmaterialien entwickeln. Dort passiert genau das, was wir uns im Bezug auf multiprofessionelle Kooperation wünschen: Dass sich die pädagogischen Fachkräfte vernetzen und zusammen überlegen, was sie für die Kinder bereitstellen können.

Kielblock: Ich sehe besonderen Entwicklungsbedarf an der Basis. Wir brauchen zum Beispiel dringend eine einheitliche Sprache. Die Terminologie und Modelle der Schulentwicklungsforschung und die der Kinder- und Jugendhilfe sind in Teilen ähnlich, aber in vielen Bereichen auch nicht. Und das provoziert immer wieder Irritationen und Missverständnisse, die nur schwer auszuräumen sind und maßgebliche Entwicklungen erschweren. Das beginnt schon bei Dingen wie der Tatsache, dass kürzlich dazu übergangen wurde, Ganztag und Ganztagsschule synonym zu verwenden.

Eine große Herausforderung ist auch, dass es leider viel zu wenig gut evaluierte Angebotskonzepte für den Ganztag gibt. Und wenn es sie gibt, sind sie nicht frei verfügbar. Wer also Angebote aufbauen und anbieten möchte, muss sich sehr oft auf seine eigenen Kenntnisse und Erfahrungen besinnen. Und die wenigsten haben Zeit, im Alltag intensiv konzeptionell zu arbeiten. Da muss sich etwas ändern. Ob ein Kind ein gutes Ganztagsangebot besuchen kann, darf nicht von der einzelnen Angebotsleitung abhängig sein. Es muss einen Pool geben von gut evaluierten Angeboten, die man heranziehen kann.

Redaktion: Was sind Fallen, in die Schulen bei der Entwicklung ihres Ganztagsangebot tappen können?

Kielblock: Einer der größten Fallstricke ist meiner Erfahrung nach, Ganztag nur am Reißbrett zu planen. Es müsste vielmehr so sein, dass dem Kollegium, allen beteiligten pädagogischen Kräften, Einrichtungen und auch Eltern und Kindern eine Stimme gegeben wird, sodass sie in die Entwicklung und in die Planungen aktiv einbezogen werden.

Redaktion: Welche Perspektive sehen Sie bezüglich der Entwicklungspotentiale der Ganztagsschule?

Kielblock: Für die Zukunft würde ich mir wünschen, dass sich die Ganztagsschule weniger als Zentrum und vielmehr als gleichberechtigte Partnerin neben anderen wichtigen Einrichtungen im Sozialraum begreift. Dafür sehe ich viele gute Ansätze, unser Qualitätsdialog ist eins von vielen Beispielen dafür, wie hoch inzwischen die Gesprächsbereitschaft aller Beteiligten ist, die mit dem Ganztag betraut sind. Es ist wichtig, dass die vielen unterschiedlichen Perspektiven, die im Ganztag zusammentreffen, zueinander finden. Dann kann er für Kinder und Jugendliche und die Gesellschaft im Allgemeinen viele positive Effekte entwickeln.

Zur Person

Dr. Stephan Kielblock (38) ist Koordinator im Arbeitsbereich Bildungsstrukturen und Reformen am Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation (DIPF) in Frankfurt am Main. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen unter anderem die Qualität ganztägiger Bildungsangebote, multiprofessionelle Kooperation und die Professionalisierung pädagogisch tätiger Personen.