Entgegenkommen, Anerkennung, Rollentausch:
Lehrer-Schüler-Beziehungen in der digitalen Welt

Wie beeinflussen digitale Lernsettings das Verhältnis zwischen Lehrkräften und Lernenden? Dem ist eine Studie jetzt auf den Grund gegangen.

Im Forschungsprojekt „Pädagogische Beziehungen in digital unterstützten Bildungsprozessen” (kurz PAEDBEZ) haben Forschende untersucht, wie digitale Lernumgebungen sich auf das Verhältnis von Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern auswirken – und dabei viele Chancen für positive Veränderungen entdeckt.

Was ist entscheidend dafür, dass Schülerinnen und Schüler Erfolg haben in der Schule? Ein wesentlicher Faktor ist seit jeher die Beziehung zwischen Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern, das hat der renommierte neuseeländische Bildungsforscher John Hattie schon vor 20 Jahren in seinen Untersuchungen belegt. Fabian Karg ist früherer Deutschlehrer und heute stellvertretender Direktor des Landesmedienzentrums Baden-Württemberg. Und er kann diese Erkenntnis aus der Praxis bestätigen: „Wir erleben immer wieder, wie Lehrkräfte Kinder und Jugendliche für ihr Fach begeistern, die zuvor null Interesse an ebendiesem Fach gezeigt haben”, sagt er im Gespräch mit dem Online-Magazin schulmanagement. Der Schlüssel sei die Verbindung zwischen Lehrkraft und Schülerin oder Schüler. „Kinder und Jugendliche lernen nicht fürs Fach oder fürs Leben, sondern für die Person, die im Unterricht vorne steht. Wenn sie die Schülerinnen und Schüler erreicht, kann Schulerfolg gelingen.”

Diese nachgewiesen entscheidende Lehr-Lern-Beziehung ist etwas, das sich ständig verändert. Auf sie wirken nicht nur Kultur, das Selbstverständnis von Lehrkräften, neue Unterrichtsformen und mehr Heterogenität im Klassenzimmer ein. Auch die Umgebung, in der gelehrt und gelernt wird, hinterlässt ihre Spuren. Und sie ist – nicht erst seit Corona, aber seither in Deutschland deutlich öfter – digital geprägt. Statt klassischem Unterricht mit Büchern und Kreidetafel kommen immer öfter und immer mehr digitale Endgeräte und Tools zum Einsatz. Smartboards, Videokonferenzen, iPads, Lernsoftware und Datenbanken sind zunehmend Teil der Gleichung, die Unterricht ausmacht. Doch wie verändert das eigentlich die wichtige Beziehung zwischen Lehrkräften und Lernenden?

Mehr positive Interaktionen in digitalen Lernsettings

Das ist die zentrale Frage im Projekt „Pädagogische Beziehungen in digital unterstützten Bildungsprozessen” (kurz PAEDBEZ). Im Rahmen des Projekts beobachtete das Forschungsteam der Hochschule für Soziale Arbeit und Pädagogik in Berlin und der Filmuniversität Babelsberg mehr als 2700 Interaktionen in digitalen Lernsettings im Unterricht, also Momente, in denen irgendeine Form von digitalen Endgeräten oder Tools im Einsatz waren – das können iPads, Smartboards, Lernprogramme oder Online-Lernplattformen am Computer sein. Die Beobachtungen fanden an verschiedenen Schulen in verschiedenen Bundesländern und zum Teil – wegen der Corona-Pandemie – als Betrachtung von Videoaufnahmen statt. Zusätzlich wurden in Befragungen und Interviews mit Lehrkräften, pädagogischen Fachkräften und Lehrkräften im Referendariat die Beziehungen zwischen Lehrpersonen und Lernenden von den Forschern inhaltlich ausgeleuchtet.

Eines der Ergebnisse zeigt: Die überwiegende Mehrheit der Interaktionen zwischen Lehrenden und Lernenden ist von den Beobachtern „eher positiv” (neutral, leicht oder sehr anerkennend) bewertet worden, lediglich jede siebte falle eher negativ aus. Ist das viel oder wenig im Vergleich zu „analogem” Unterricht? Darauf haben die Forschenden nur bedingt eine Antwort, denn der Datensatz, mit dem sich ihre Beobachtungen am besten vergleichen ließen, sei schon etwa zehn Jahre alt, räumt PAEDBEZ-Forscherin Dr. Ada Fehr ein. Sicher sei: Die Qualität der Beziehung zwischen Lehrkräften und Lernenden habe nach wie vor  „sehr viel mit dem Fundament der analogen Beziehungsgestaltung zu tun.”
Fehr sagt aber auch: „Wir sehen in unserer Studie, dass sich diese analog aufgebaute Beziehung durch digitale Medien verbessern oder erweitern lässt”. Digitale Lernsettings hätten die Chance, ein „positives Add-on” zu sein. Die Forschenden wurden durch Beobachtungen und Interviews dabei auf einige interessante Aspekte aufmerksam, die der Lehrer-Schüler-Beziehung guttun.

Entgegenkommen der Lehrkräfte

So ergaben die Interviews der Forschenden aus Babelsberg und Berlin etwa, dass die Lernenden digitalen Unterricht ein Stück weit als ein Entgegenkommen der Lehrkraft empfanden, also als ein Zeichen, dass sie sich Mühe gibt, den Unterricht attraktiv zu gestalten via Medien, in denen sich viele Schülerinnen und Schüler zu Hause fühlen.

Entscheidend sei bei einem solchen Zugehen auf die Lernenden – besonders in einer Domäne, in der diese sich  oftmals gut auskennen – die Haltung der Lehrkräfte, argumentiert Pädagoge Karg: „Man kann als Lehrkraft nicht alles können und nicht alles wissen. Entscheidend ist, wie man damit umgeht. Bin ich in der Lage, Defizite einzugestehen und nach einer Lösung zu suchen?” Authentizität und die Fähigkeit, bei den eigenen Lücken oder auftretenden technischen Schwierigkeiten Problemlösefähigkeit zu beweisen, seien hierbei wichtig.

Vertrauen in die Schülerinnen und Schüler

Hierzu kann auch die Einbindung der Schülerinnen und Schüler gehören: Die PAEDBEZ-Forschung sieht darin einen positiven Aspekt der digitalen Lernsettings für eine vertrauensvolle Lehrer-Schüler-Beziehung. So berichtete eine Lehrkraft im Interview, dass die Lernenden durchaus wahrnehmen, wenn sie ihre Medienkompetenz einbringen dürfen. – „dass die Lehrkraft ihnen etwa vertraute, wenn sie ihnen zum Beispiel das eigene iPad überließ."

Zutrauen und Vertrauen in die Medienkompetenz der Jugendlichen würde sich oft positiv auf die Beziehung auswirken, sagt Fehr: „Ich habe viele Beispiele gehört, in denen Lehrpersonen sich getraut haben, zusammen mit den Kindern und Jugendlichen E-Books zu erstellen, Podcasts aufzuzeichnen, eigene Lernvideos zu erstellen.” Jugendliche, die eigene Instagram-Accounts haben oder bei Snapchat sind, könnten oft Videos schneiden, Captions oder Filter hinzufügen. „Da ist viel Kompetenz und Potential für eine vertrauensbildende Zusammenarbeit vorhanden.”

Neue Wege der Kommunikation

In den digitalen Lernsettings entstehen zwischen Lehrkräften und Lernenden auch neue Ebenen der Kommunikation. „Wir kommen durch die digitalen Medien in Kontakt miteinander, wenn wir zum Beispiel im Internet nach Informationen suchen und uns darüber unterhalten”, berichtete eine Lehrkraft im PAEDBEZ-Projekt. Auch für Feedback und Nachfragen seien die Lehrkräfte für die Schülerinnen und Schüler auf neuen Wegen erreichbar – das stärke die Beziehung. Laut Fehr könnten Lernende, die ihrer pädagogischen Bezugsperson etwas anvertrauen möchten, den digitalen Weg wählen, wenn es ihnen im analogen Setting schwerfallen würde.

Auch Pädagoge Karg sieht in der zusätzlichen Erreichbarkeit ein großes Plus für die Lehrer-Schüler-Beziehung. Natürlich müssten hierbei beide Seiten aufeinander zugehen, damit die neuen Wege nicht zu einer 24-Stunden-Erreichbarkeit ausarten. Doch das könne man recht einfach über „Sprechzeiten” regeln, rät Karg – also beispielsweise den Schülerinnen und Schülern signalisieren: „Zwischen 17 und 19 Uhr schaue ich nochmal in mein Postfach.” 

Eingehen auf individuelle Lern-Bedürfnisse

Mit digitalen Medien lasse sich zudem besser auf individuelle Bedarfe eingehen, sagt Forscherin Fehr. Digitale Medien erweiterten die Möglichkeit, Heranwachsende, die beispielsweise wegen chronischer Krankheiten oder Behinderungen nicht am Präsenzunterricht teilnehmen können, zu inkludieren, sie hybrid am Unterricht teilnehmen zu lassen oder ihnen zumindest Material zur Verfügung zu stellen, um Lernthemen eigenständig zu bearbeiten. So haben digitale Lernsettings auch während der Corona-Pandemie dabei geholfen, die Beziehung zwischen Lehrkräften und Lernenden aufrechtzuerhalten und längere Phasen ohne Präsenz zu überbrücken.

Gleichzeitig sei es durch digitale Lernsettings auch möglich, für ein individuelleres Lernen starre Strukturen wie zeitlich festgesetzte Schulstunden zu durchbrechen, argumentiert Karg. Digitale Medien böten „zeitlich und örtlich unabhängiges Lernen, das nicht automatisch nach 45 Minuten endet, sondern viel freier gestaltet werden kann und das Interesse der einzelnen Schülerinnen und Schüler so besser bedient.”

Mehr Zeit fürs Wesentliche

Gleichzeitig schafft der Einsatz digitaler Lernsettings die Möglichkeit, Lehrkräfte im Unterrichtsalltag zu entlasten. „Wir haben durch digitale Geräte die Chance, Aufgaben, die das Lehrer-Schüler-Verhältnis nicht unbedingt verbessern, outzusourcen oder zumindest zu beschleunigen”, erläutert Karg – und das kann wiederum Zeit freiräumen für Wesentliches wie „Beziehungsarbeit” zwischen Lehrkräften und Lernenden. Karg: „Man schafft sich zeitliche Erleichterung, um mehr Zeit fürs Menschliche zu haben.”

Was Entlastung auf der einen Seite bedeutet, kann Selbstbestimmung auf der anderen bedeuten. Forscherin Fehr berichtet aus dem PAEDBEZ-Projekt, dass „der Einsatz von Online-Medien im Unterricht bei den Lernenden kreativer, aktiver und freudiger als solcher ohne solche Medien wahrgenommen wurde. Die Schülerinnen und Schüler erlebten sich im digitalen Lernsetting selbstbestimmter und motivierter.”

Herausforderung für Lehrkräfte

Der digitale Shift im Unterricht bietet Chancen, aber auch Risiken und Nebenwirkungen für die Lehrkräfte, was die Beziehung zu den Schülerinnen und Schülern angeht. Zunächst einmal, weil das digitale Lernsetting oftmals auf technisch wackeligen Füßen steht: Bei allen Teilstudien habe sich gezeigt, dass die Ausstattung der Schulen mit Internet und W-LAN ausbaufähig sei und teilweise in fragwürdigen Eigenlösungen endete, berichtet Fehr aus ihren Studien-Interviews: „Da war alles dabei bis hin zu Lehrkräften, die selbst Router gekauft haben oder über ihr eigenes Handy eine Netzverbindung geteilt haben, damit die Klasse online gehen konnte.”

Die Lösung dafür ist so einfach wie schwierig, weil zeitintensiv, erklärt Fehr: „Was wir gesehen haben: Je besser und strukturierter ein Unterricht mit digitalen Medien vorbereitet war, desto eher ging nichts schief beziehungsweise waren die Lehrkräfte mit einem Plan B vorbereitet auf Probleme beim Medieneinsatz – und desto wertschätzender und anerkennender konnte dann auch die Beziehungsgestaltung sein.” Ebenfalls positiven Einfluss habe, wenn Lehrkräfte sich ein wenig mit der digitalen Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler auseinandersetzten. „Es hilft, wenn ich als Lehrkraft ungefähr weiß, auf welchen Plattformen sich meine Schülerinnen und Schüler bewegen, was man auf denen tun kann, welche Mechanismen und Zwänge mit ihnen einhergehen”. Dabei gehe es nicht um „ein aufgesetztes Interesse an ihrer digitalen Lebenswelt“, sondern darum, „ein bisschen Ahnung davon zu haben, welche Medieninhalte sie nutzen, welche Formate gerade spannend und neu sind.”

Gemeinsame Entdeckungsreisen

Dieser Wissenserwerb würde dann eventuell auch beim Einsatz sozialer Medien helfen, die laut den PAEDBEZ-Studienergebnissen eher selten im Unterricht implementiert würden. Fehr: “Es gibt zum Beispiel viele öffentlich-rechtliche Accounts, die zu verschiedensten Themen Info-Posts machen oder kleine Erklärvideos zeigen. Ich finde, dass die sich zum Einsatz im Unterricht eignen würden.“

Gemeinsam etwas Neues im Web entdecken und sich damit auseinandersetzen, das sei auch keine schlechte Idee beim Thema Künstliche Intelligenz, findet Karg: „Beziehungen werden auch dann verbessert, wenn man gemeinsam etwas erlebt.” Es könne auch gut für die Beziehung sein, an das große Thema KI als Lehrkraft offen und problemlösungsorientiert heranzugehen und die Schülerinnen und Schüler einzuladen: „Lasst uns diese gesellschaftliche Veränderung gemeinsam erkunden und untersuchen.” Eine solche kooperative Lernkultur sei eine starke Chance für eine verbesserte Lehrer-Schüler-Verbindung, gerade im digitalen Zeitalter.

Zur Person

Dr. Ada Fehr ist promovierte Kommunikationswissenschaftlerin und forscht schwerpunktmäßig zu den Themen Digitales Lernen, digitale Lernumgebungen sowie Digitale Medien in Lehr-Lernprozessen. Sie ist Sprecherin der Fachgruppe Medienpädagogik der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK) und außerdem im Bereich der Gleichstellungs- und Antidiskriminierungsarbeit tätig.

Zur Person

Fabian Karg ist ehemaliger Lehrer für Deutsch, Englisch, Sport und Medienbildung. Aktuell ist er stellvertretender Direktor des Landesmedienzentrums Baden-Württemberg (LMZ) und freier Dozent, unter anderem für Game-based Learning und Jugendmedienschutz.