Benachteiligung überwinden: Das Geheimnis von unerwartbar erfolgreichen Schulen

Wie schaffen es manche Schulen trotz herausfordernder Ausgangslage erfolgreich digitale Kompetenzen zu vermitteln? Dazu berichten Prof. Birgit Eickelmann und PD Dr. Kerstin Drossel aus ihrem Forschungsprojekt.

Die Regel für Schulen im deutschen Bildungssystem ist: Schlechte soziale Ausgangslage gleich schwächerer Kompetenzerwerb. Doch 17 Prozent der Schulen in Deutschland stemmen sich gegen diesen Trend, sie gehören zu den „unerwartbar erfolgreichen Schulen“, wie Prof. Birgit Eickelmann und PD Dr. Kerstin Drossel sie in ihrem Forschungsprojekt, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert wird, nennen. Doch was zeichnet diese Schulen aus? Die Forscherinnen sprechen darüber im Interview.

Redaktion: Frau Prof. Eickelmann, Frau PD Dr. Drossel, in Ihrem Forschungsprojekt haben Sie Schulen untersucht, denen es trotz vieler sozial benachteiligter Schülerinnen und Schüler gelingt, digitale Kompetenzen gut zu vermitteln. Sie sprechen dabei von „unerwartbar erfolgreichen Schulen”. Warum? Wie definieren Sie diese Gruppe von Schulen?

Prof. Dr. Birgit Eickelmann: Wir sehen es ja immer wieder in den großen Schulleistungsstudien: Wir haben in Deutschland die wirklich großen Kompetenzunterschiede zwischen Schülerinnen und Schülern aus unterschiedlichen sozialen Lagen. Das beobachten wir seit der ersten Pisa-Studie, es macht uns Sorge. Aber wir haben in Deutschland bisher keine guten Anhaltspunkte im System gefunden, dem etwas wirksam entgegenzuhalten. Was wir aber bisher nie gemacht haben, ist genauer hinzuschauen und die schulische Arbeit in den Blick zu nehmen. Da gibt es nämlich in den Datensätzen der Schulstudien diejenigen Schulen, in denen dieser Effekt entweder nicht auftaucht oder in denen zwar besonders viele Schülerinnen und Schüler aus herausfordernden Lagen kommen, denen es aber gelingt, trotzdem hohe Kompetenzen zu erreichen. Diese „unerwartbar erfolgreichen“ Schulen lassen sich identifizieren – geringe mittlere soziale Lage und gleichzeitig hohe mittlere Kompetenzen – und ihre Rahmenbedingungen und ihre pädagogische Arbeit beschreiben. Das wäre für alle Kompetenzbereiche möglich und wir, da wir an der Studie ICILS (International Computer and Information Literacy Study, Anm. d. Red.) arbeiten, schauen uns das für den Bereich der digitalen Kompetenzen an.

Redaktion: Was wollten Sie in Bezug auf diese Schulen in Ihrem Projekt „Unerwartbar erfolgreiche Schulen im digitalen Wandel“ genau ergründen?

PD Dr. Kerstin Drossel: Zunächst einmal wollen wir sichtbar machen, dass es Schulen in Deutschland bereits jetzt gelingt, die digitale Spaltung zu überwinden. Die daran anknüpfende Frage ist natürlich: Wie gelingt es diesen Schulen, ihre Lernenden so großartig zu fördern, dass das alte Muster der Benachteiligung aufgrund der familiären Lage nicht mehr greift? Und natürlich die Überlegung: Wenn es diesen Schulen gelingt, was können andere Schulen von diesen „unerwartbar erfolgreichen“ Schulen vielleicht lernen? Das gehen wir sehr systematisch an. Wir schauen uns sehr genau die ICILS-Daten an, um die Schulen zunächst zu identifizieren. Diese Schulen haben wir kontaktiert und sie angefragt, ob sie uns bei unserer Forschung unterstützen. Einige wichtige Informationen über die Schulen haben wir bereits über die ICILS-Daten. Hier setzen wir ja Fragebögen für Lehrkräfte, Schulleitungen und IT-Verantwortliche ein und befragen, zusätzlich zu den Kompetenztests, auch die Schülerinnen und Schüler. Vertiefend wollten wir aber noch mehr über Prozesse der digitalisierungsbezogenen Schulentwicklung wissen. Und wir wollten auch Einblicke in den Unterricht und das Verständnis vom Lehren und Lernen in den Schulen gewinnen.

„Zunächst einmal wurde deutlich, dass die Schulen mit sehr viel Engagement ihre Verantwortung für das Lernen der Schülerinnen und Schüler übernehmen.“

PD Dr. Kerstin Drossel

Redaktion: Welche Ergebnisse können Sie heute diesbezüglich feststellen?

Drossel: Hier wurde deutlich, dass die Schulen mit sehr viel Engagement ihre Verantwortung für das Lernen der Schülerinnen und Schüler übernehmen. Es sind übrigens immerhin 17 Prozent der Schulen, die in Deutschland unerwartbar erfolgreich sind. Um die Ergebnisse zu systematisieren, haben wir sie den fünf Dimensionen chancengerechter digitalisierungsbezogener Schulentwicklung zugeordnet: Organisationsentwicklung, Unterrichtsentwicklung, Personalentwicklung, Kooperationsentwicklung und Technologieentwicklung. Dabei zeigt sich, dass aufgrund der engen Verzahnung der Dimensionen eine chancengerechte digitalisierungsbezogene Schulentwicklung nur dann funktioniert, wenn auf allen fünf Ebenen gezielt Veränderungen angestrebt werden. Die Technologieentwicklung betreffend, reicht es beispielsweise nicht aus, für alle Lernenden den Zugang zu digitalen Medien zu gewährleisten. Es muss gleichzeitig eine fächerübergreifende und fachspezifische Verständigung über eine chancengerechte Implementation digitaler Medien in schulische Lehr- und Lernprozesse in der Schule geben, die methodisch-didaktischen Kompetenzen der Lehrkräfte im Hinblick auf einen individualisierten und differenzierten Unterricht müssen gefördert werden und so weiter. Was wir aber auch schnell gemerkt haben: Die Schulträger spielen eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung von Bildungschancen. Daher haben wir die Ergebnisse der Studie mit entsprechenden Handlungsempfehlungen nicht nur in einem Transferprodukt für Einzelschulen, sondern auch für Schulträger aufbereitet.

Redaktion: Was ist Ihrer Einschätzung nach der zentrale Faktor, der dazu beiträgt, dass Schülerinnen und Schüler an resilienten Schulen überdurchschnittlich gut digitale Kompetenzen erwerben?

Eickelmann: Im Rahmen unserer Abschlusstagung, bei der auch die Schülerinnen und Schüler noch einmal zu Wort gekommen sind, ist ein Detail besonders aufgefallen: Der zentrale Faktor ist, dass die Schulen ihren Bildungsauftrag als Verantwortung für die Zukunft ihrer Schülerinnen und Schüler übernehmen. Alle Anstrengungen jetzt lohnen sich und werden von den Kindern und Jugendliche gesehen und wertgeschätzt. Die Lernenden werden in ihrer Lebens- und Lernwirklichkeit abgeholt und können sich einbringen. Die Lehrkräfte habe auch noch einmal deutlich gemacht, dass die Begeisterung und Motivation der Kinder und Jugendlichen sie selbst motiviert, sich hier besonders zu engagieren, um ihnen einen Zugang zu Bildung zu ermöglichen, der ihnen sonst verwehrt bliebe.

„Die Lehrkräfte stimmen sich ab, bilden sich gegenseitig fort, stehen den Kolleginnen und Kollegen für Rückfragen zur Verfügung und werden von der Schulleitung unterstützt. Sie bekommen Rückendeckung, etwas auszuprobieren.“

Prof. Dr. Birgit Eickelmann

Redaktion: Welche Rolle fällt den Lehrkräften zu, wenn es um die Entwicklung digitaler Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler an resilienten Schulen geht?

Eickelmann: Es sind letztlich nicht die einzelnen Lehrkräfte, sondern ihr Zusammenwirken beim Entwickeln und Gestalten einer gemeinsamen Vision von Schule und Lernen für die ihnen anvertrauten Kinder und Jugendlichen. Die Lehrkräfte stimmen sich ab, bilden sich gegenseitig fort, stehen den Kolleginnen und Kollegen für Rückfragen zur Verfügung und werden, und das ist noch ein ganz wichtiger Punkt, von der Schulleitung unterstützt. Sie bekommen Rückendeckung, etwas auszuprobieren. Es ist die Gesamtheit der Schule, die den Unterschied machen kann und im Falle der UneS-Schulen dann auch macht.

Drossel: Wenn ich noch ergänzen darf, wir haben auch gesehen, dass sich das gute Zusammenwirken in den Schulen nicht allein auf den Bereich der Digitalisierung bezogen hat, sondern das Zusammenwirken – auch über die Schulhofgrenze hinaus – themenübergreifend als Teil der Schulkultur verstanden wurde.  

Redaktion: Frau Professorin Eickelmann, Frau Doktorin Drossel, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Zur Person

Birgit Eickelmann ist Professorin für Schulpädagogik an der Universität Paderborn. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der digitalen Schulentwicklung und der Transformation von Schulen und Schulsystemen im 21. Jahrhundert. Seit mehr als 20 Jahren erforscht sie mit einer international und europäisch vergleichenden Perspektive die Entwicklung von Schule und Unterricht unter den Bedingungen gesellschaftlicher Digitalisierungsprozesse. Für Deutschland leitet sie unter anderem die IEA-Studien ICILS 2013, 2018 und 2023.

Zur Person

Kerstin Drossel ist Akademische Oberrätin an der Universität Paderborn am Lehrstuhl für Schulpädagogik. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der empirischen Bildungsforschung, der Lehrkräfteprofessionalisierung sowie der Schul- und Unterrichtsentwicklung im Zeitalter der digitalen Transformation. Sie leitet unter anderem die IEA-Studie ICILS 2023 für Nordrhein-Westfalen.