„Die größte Lehrer-geführte Revolution, die wir bisher erlebt haben“

Exklusiv-Interview mit John Hattie

Im Gespräch mit dem Online-Magazin schulmanagement spricht der renommierte Bildungsforscher Professor John Hattie über die Leistungen von Lehrerinnen und Lehrern in der Pandemie und worauf sich Schulen jetzt konzentrieren sollten.

Redaktion: Herr Professor Hattie, in einem Interview mit dem Podcast “Talking Teaching” sagten Sie: “Covid 19 ist wahrscheinlich die größte Lehrer-geführte Revolution, die wir bisher erlebt haben.” Was meinen Sie damit? 

Professor John Hattie: Ich habe einen Artikel geschrieben, der sich mit Forschungsergebnissen zu Leistung und den sozial-emotionalen Lerneffekten des Lehrens während der Corona-Pandemie befasst (Link dazu unter diesem Artikel, Anm. d. Red.). Im Schnitt war der Einbruch bei der üblichen jährlichen Lernkurve minimal. Was hat also so gut funktioniert und dabei geholfen, einen so bemerkenswerten Störprozess wie die Corona-Pandemie zu überstehen? Die Antwort ist im Titel der Arbeit “Ode to expertise” enthalten.
Ich hoffe, wir schwenken nicht zurück zu alten Vorstellungen über das Lehren, die vielen zwar nützlich sind, aber eben nicht allen. Die maximale Wirkung erzielen wir, wenn wir das Beste der alten und neuen Syntax des Lehrens und Lernens vereinen. Während des Unterrichts, der zu Pandemie-Zeiten stattgefunden hat, ist mir keine Richtlinie, Verordnung oder Lösung bekannt, die von oben gekommen wäre  – also vom Ministerium zum Schulleiter zum Lehrer – außer die Entscheidung, ob die Schulen geöffnet oder geschlossen werden. Somit ist für mich der Erfolg des Lehrens während der Pandemie die größte Lehrer-geführte Revolution, die wir bisher erlebt haben.

Zur Person

John Hattie ist Professor für Erziehungswissenschaften und Direktor des Melbourne Education Research Institute an der University of Melbourne. Der gebürtige Neuseeländer befasst sich vor allem mit Einflussfaktoren auf Lernerfolg und gilt als Verfechter evidenzbasierter Forschungsmethoden. Weltweit bekannt wurde John Hattie durch seine umfassende Metaanalyse vorliegender  Forschungsarbeiten, aus denen er ableitete, welche Faktoren für den Lernerfolg in der Schule maßgeblich sind. Durch sein 2009 erstmals erschienenes Buch „Visible Learning“ fanden seine Thesen international Beachtung und Anerkennung.

Redaktion: Welche Schulthemen erhalten im Moment zu viel Aufmerksamkeit im vorliegenden Verhältnis zu ihrem eigentlichen Effekt? Mit anderen Worten: Was ist derzeit weniger wichtig bezogen auf den Lernerfolg von Schülerinnen und Schülern als es in der öffentlichen Diskussion den Anschein macht?

Hattie: Wir lieben es, am Lehrplan und an Bewertungsansprüchen herumzubasteln, wir sind gut darin, Schülerinnen und Schüler einzustufen, zu erklären, warum sie etwas (noch) nicht können. Und wir lieben es, über die Strukturen von Schulen und Klassenzimmern zu debattieren – aber all das hat eher einen kleinen Effekt. Ich nenne das die Politik der Ablenkung.

Redaktion: Was ist dagegen wirklich wichtig?

Hattie: Wirklich wichtig ist die Kompetenz der Pädagogen – der Lehrkräfte und Schulleitungen. Diese Kompetenz hat den größten Effekt und wir müssen diese Kompetenz wertschätzen, in sie investieren und sie fördern. Diese pädagogische Kompetenz ist für Eltern jetzt deutlich sichtbar geworden, weil sie das Lehren und Lernen während der Pandemie mit ihren eigenen ein oder zwei Kindern als sehr große Herausforderung empfunden haben. Lehrkräfte haben es mit hunderten Kindern täglich zu tun – 200 Tage im Jahr. Und sie haben die Fähigkeiten, mehr als 60 Prozent der Schülerinnen und Schülern in einem Jahr mehr beizubringen, als sie rechnerisch pro Jahr im Schnitt dazulernen würden.

Redaktion: Die deutsche Bundesregierung investiert Milliarden, um Lernrückstände, die während der Pandemie angefallen sind, aufzuholen. Wo ist Ihren Erkenntnissen nach dieses Geld gut angelegt? Welche Maßnahmen sind besonders effektiv, gerade auch um besonders betroffene Schülergruppen aus sozial benachteiligten Situationen zu erreichen und effektiv zu fördern?

Hattie: Die erste Prämisse lautet: bitte keine Vermutungen anstellen. Man sollte nicht von bestehenden Denkkategorien wie beispielsweise der Kategorisierung nach sozialökonomischem Status ausgehen. Man sollte nicht von vornherein mutmaßen, dass eine Gruppe während der Pandemie besser oder schlechter abgeschnitten habe. Das Investieren in gute Diagnose-Tools, um das Lern-Wachstum festzustellen – nicht Leistungen, sondern Wachstum! – sind der Schlüssel, um jene Lernende zu identifizieren, die am dringendsten unmittelbare Hilfe benötigen. Viele Schülerinnen und Schüler aus sozial benachteiligten Situationen sind während der Phase der Pandemie aufgeblüht und einige der cleversten Lernenden aus reichen Familien nicht.
 
Die zweite Prämisse lautet: “Lern-Beschleunigung” für alle. Das ist der Schlüssel. Die erfolgreichste Maßnahme zur “Lern-Beschleunigung“ sehe ich in der Wiedereinstellung von ehemaligen Lehrkräften und deren Rückkehr ins Arbeitsleben als Schüler-Coaches, um direkt mit den Schulen zusammenzuarbeiten. So würde sichergestellt, dass a) richtig diagnostiziert wird, b) die Lernenden nach der Erfolgsdefinition der zuständigen Lehrkraft gecoacht werden und c) der Erfolg des Coachings und die Interaktion der Lehrkraft mit den Coaches in den regulären Klassen auf ihren Erfolg hin überprüft werden. Diese Coaches könnten Teil des normalen Schulalltags sein und mit den Lehrkräften zusammenarbeiten, so dass jede einzelne Schülerin und jeder einzelne Schüler von ihnen profitiert.